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Titelthema

Bestürzende Zeugnisse über die Diskriminierung der Ungarndeutschen in der Zeit der Sowjetisierung Ungarns Ungarndeutsche Kulturtagung

»Ungarn und die Ungarndeutschen (1945–1956)« in Gerlingen
Publikum der Ungarndeutschen Kulturtagung in Gerlingen: Georg Richter meldet sich zu Wort
Foto: kjl
Zwei spannende Vorträge beleuchteten bei der Kulturtagung, die die Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn in Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit der Stadt Gerlingen am 14. Oktober durchführte, die Situation der Ungarndeutschen im Nachkriegsungarn. Dr. Kathi Gajdos-Frank, Direktorin des Jakob-Bleyer-Heimatmuseums in Budaörs, untersuchte die Überwachung der Ungarndeutschen durch die Staatssicherheitsdienste. Dabei kam ein erschreckendes Ausmaß an Bespitzelung zu Tage. Auch die Ausführungen von Prof. Dr. Gerhard Seewann brachten ein wenig erfreuliches Bild der Diskriminierung der Ungarndeutschen hervor.

Die Ehrengäste begrüßte Gerlingens Erste Beigeordnete Koch-Haßdenteufel im Rathaus Gerlingen, darunter den Direktor des ungarischen Kulturinstituts in Stuttgart, Dr. Dezsö Szabó, verschiedene Gerlinger Stadträtinnen, den LDUBundesvorsitzenden Joschi Ament, seinen Vorgänger Klaus J. Loderer, den Ehrenbundesvorsitzenden Dr. Friedrich A. Zimmermann, den Vorsitzenden der LDU-Bundesdelegiertenversammlung Georg Hodolitsch, den LDU-Bundesgeschäftsführer Erich Gscheidle, Katharina Eicher-Müller als Geschäftsführerin der Suevia Pannonica.

Mit einem Gedicht des ungarndeutschen Dichters Josef Michaelis stimmte der LDULandesvorsitzende Rudolf Fath das Publikum auf die Kulturtagung ein. Ausführlich stellte er die Referenten vor.

Entsprechend dem Thema ihrer Dissertation arbeitete Dr. Kathi Gajdos-Frank, seit 2011 Direktorin des Jakob-Bleyer-Heimatmuseums in Budaörs, die Überwachung der Ungarndeutschen durch die Staatssicherheitsdienste zwischen 1945 und 1956 als Teilaspekt der Sowjetisierung Ungarns heraus. Dazu stellte sie zuerst die Staatssicherheitsdienste vor, darunter die schon 1945 gegründete politische Polizei PRO, die 1946 gegründete AVO und die ÁVH, die 1948 zuerst als Staatsschutzdienst dem Innenministerium unterstand, aber schon bald eine eigenständige Einrichtung wurde.

In diesem Zusammenhang ging sie auch auf die Einrichtung der Arbeitslager in Tiszalök und Kaszincbarcika ein, in denen aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft zurückkehrende ungarndeutsche Männer 1950 noch einmal interniert wurden. Sie hob dabei besonders die Biographie von Georg Richter hervor, dessen Akten sie im Archiv der Staatssicherheit gefunden hatte. Dass sie ihn dann persönlich kennenlernen und seine Sicht der Dinge hören konnte, beeindruckte sie besonders, wie sie betonte. Das Schicksal dieser Männer bekam 1953 noch einmal eine tragische Wendung. Obwohl im Sommer 1953 eine politische Delegation die Freilassung angekündigt hatte, tat sich erst einmal nicht. Das vorsichtige Nachfragen der Gefangenenvertreter wurde mit deren Arrestierung beantwortet, eine friedliche Demonstration der anderen Gefangenen mit Schüssen in die Menge beantwortet. Die Sache wurde dann als Aufstand stilisiert mit der Folge von Schauprozessen und der Verurteilung der angeblichen Rädelsführer. Gajdos-Frank betonte, dass diese Arbeitslager in der ungarischen Öffentlichkeit völlig unbekannt seien. Sie seien wie andere Themen um die Ungarndeutschen, wie Verschleppung, Enteignung und Vertreibung, von der sozialistischen Propaganda über Jahrzehnte als Tabuthema verschwiegen worden. Nur in der Bundesrepublik bemühten sich die inzwischen hier lebenden »Kameraden des 4. Oktober 1953« um eine Aufarbeitung des Themas. Mit Georg Richter und Andreas Ormos waren zwei Betroffene bei der Kulturtagung anwesend.

Im weiteren Vortrag berichtete Gajdos-Frank aus ihren Recherchen über Ungarndeutsche im Archiv der Staatssicherheit. Die Organe der Staatssicherheit legten allein Anfang der 1950er Jahre mehr als eine Million Personendossiers an. 40000 Menschen betätigten sich als Informanten. 44000 Menschen wurden interniert. Und zwischen 1950 und 1953 wurden mehr als 650000 Menschen in teilweise fragwürdigen Schauprozessen vor Gericht gestellt. Als es später zu einer Überprüfung der Mitarbeiter des Staatssicherheitsdiensts kam, der durch seine Härte berüchtigt war, wurden von fast 5000 Mitarbeitern nur 15 als ungeeignet entlassen.

Zu den von der Referentin vorgestellten Fällen gehörte auch eine ungarndeutsche Frau, die in der Nähe einer Kaserne dabei erwischt wurde, wie sie Notizen machte. Sie wurde bis in die 1970er Jahre überwacht. Dramatischer war der Fall des A. Stumpf und seiner Freunde, die 1948 in Mór ein sowjetisches Denkmal sprengten. Die beiden älteren Jungs ungarndeutscher Abstammung wurden wenige Tage später hingerichtet, ein beteiligter ungarischer Freund wurde freigelassen, da sein Vater Mitglied der kommunistischen Partei war. Besonders wurde darauf geachtet, ob Deutsch gesprochen wurde, was damals verboten war. Genau wurde auch überwacht, wie sich die in Genossenschaften gepressten »Schwaben-Kulaken« mit ihrem Schicksal abfanden.

Eine rege Diskussion mit zahlreichen Fragen entstand nach dem Vortrag. Der nachfolgende Redner Prof. Dr. Gerhard Seewann improvisierte deshalb spontan eine neue Einleitung seines Vortrags: »Ich habe noch nie einen Ungar getroffen, der etwas Negatives über seine Nation gesagt hat«. Entsprechend halte auch die ungarische Geschichtsschreibung die Nation hoch. Negative Dinge werden gerne ausgeblendet. Gerne sieht man sich in Ungarn als Opfer der Geschichte, von den Türken, von den Habsburgern, von Moskau und jetzt von Brüssel. Deshalb sei es sinnvoll, dass Historiker von außen die ungarische Geschichte kritisch betrachten. Die ungarische Nachkriegszeit fasste er zusammen als eine Phase, in der alles auf eine Stabilisierung des kommunistischen Systems ausgerichtet war. Dazu gehörte etwa die Vernichtung der Mittelschicht, um kritische Stimmen auszuschalten. [...]
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