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Die Zurückgeflohenen

László Bodrogi / László Szále
Die Zurückgeflohenen

Donauschwäbischer Kulturverein Ujfluch 2016.
ISBN 978-963-12-5431-0. 311 S. 3000 HUF + Versand.
Bezug: Maria Breuer, Mannheimer Str. 266b, 5543 Bad Kreuznach
Tel. 0671/65571 oder
Dr. Bodrogi László, VI. Teréz krt. 7, e. IV 11, H-1067 Budapest
E-Mail: radsport@citromail.hu
Fiókok mélyéröl, válogatás a vecsési németség fényképeiböl.
Vecsés 2016.

Bei der Vertreibung der Ungarndeutschen kommt es schon bald zu einem Phänomen, das im Vergleich zur Vertreibung der deutschen Gruppen aus anderen Ländern ziemlich einzigartig geblieben ist. Denn es gibt ab dem Januar 1946 nicht nur die erzwungene Vertreibung von Ungarn in die amerikanische und später die sowjetische Besatzungszone Deutschlands. Es kommt sehr bald auch zu einer Migrationsbewegung in die umgekehrte Richtung. Viele Vertriebene machen sich schnell wieder auf, um wieder nach Ungarn zurückkehren zu können. Das war natürlich illegal und die unerlaubte Rückkehr wurde von den ungarischen Behörden auch gar nicht gerne gesehen. Viele Familien wurden schon an der Grenze erwischt. Viele Familien schafften es aber in ihre Heimatdörfer zurück, mussten sich aber zuerst versteckt halten. Viele dieser »Zurückgeflohenen« gingen deshalb in andere Orte, wo sie unerkannt als Hilfsarbeiter, Knechte oder Mägde arbeiten konnten. Mit einer Amnestie wurden sie legalisiert. Dem Phänomen der Rückwanderung spürte die Historikerin Agnes Tóth vor einiger Zeit in einer interessanten Studie nach. Kürzlich ist eine Einzelstudie zu diesem Thema erschienen. Der Arzt und Radiologe László Bodrogi und der Bibliothekar László Szále befassten sich nun mit Vertreibung und Rückwanderung in Ujfluch (Szigetújfalu). Diese Gemeinde liegt südlich von Budapest an der Donau auf der Tschepeler Insel (Csepel). Im Klappentext schreiben die Autoren: »Die alten Steine sind wortkarg, wenn sie von der Vergangenheit reden sollen, ebenso wie die Alten in Újfalu, wenn es um ihre eigene Vergangenheit geht, zu der die zwangsweise Aussiedlung im Jahre 1946 gehört. Und deren Folge, die zwangsweise Rückflucht. Obwohl die Rückflucht – im Gegensatz zur Aussiedlung – eine vollkommen freiwillige Entscheidung war, sagen wir zwangsweise, denn irgendeine besondere, zwangläufige Kraft aus der Tiefe der Seele schien die Entscheidungen gelenkt zu haben. Vielleicht, weil sie spürten, dass nicht ihr Geburtsland sie aus eigenem Antrieb verstoßen hatte, sondern die Eigensucht und die Engsichtigkeit der ich Geburtsland gerade regierenden Machthaber.« Von den achthundert vertriebenen Ungrndeutschen aus Ujfluch kehrten etwa sechzig zurück nach Ungarn.

Das Buch bringt uns die Geschichte der Rückkehr über persönliche Erinnerungen nahe. Das Autorenduo befragte die noch Lebenden und sammelte diese Erinnerungen. Durch die Vertreibung kamen viele Ujflucher in die Gegend von Kassel. In Udenhausen bei Kassel war zum Beispiel László Wérny im Sommer 1946. Im Herbst machte sich seine Familie auf den Weg zurück nach Ungarn. Man schlich sich über die ungarische Grenze, wurde aber doch erwischt, festgenommen und wieder nach Österreich abgeschoben. Sie versuchten es wieder und wurden dann in Ödenburg (Sopron) inhaftiert. Sie kamen schließlich nach Ujfluch zurück, konnten aber nicht wieder in ihr Haus. Bei den Großeltern versteckten sie sich zuerst. Aus Angst von den Behörden wieder ausgewiesen zu werden, verdingten sich die Familienmitglieder in der Umgebung. László Wérny ging als Knecht nach Ráckeresztúr und dann nach Martonvásár. Die Großeltern seiner Frau Hedvig Szeltner kehrten erst relativ spät zurück. Hedvig und ihre Mutter wurden nicht vertrieben – aber die Großeltern. Diese kehrten 1957 mit einem Touristenvisum nach Ungarn zurück. [...]

Klaus J. Loderer



Schubladen-Schätze

Mihály Frühwirth, Erika Vass
Schubladen-Schätze

Eine Auswahl aus den Bildern der Wetschescher Schwaben

= Fiókok mélyéröl, válogatás a vecsési németség fényképeiböl.
Vecsés 2016.
ISBN 978-963-12-5433-4. Preis: ca. 20,00 € zzgl. Versandkosten
Bezug: Michael Frühwirth, H-2220 Vecsés, Hársfa utca 2.
Tel. 0036/30/9557585, fruhwirthm@t-online.hu

Mit historischen Fotos kann man in längst vergangene Zeiten eintauchen. Aus den Fotos blicken die Menschen früherer Zeiten hervor. Ihr Kleidungsstil, ihre Frisuren, ihr Gestus, ihre Selbstdarstellung sind Zeugnisse der Geschichte. Vielleicht gibt es sogar einen persönlichen Bezug zu eigenen Vorfahren.

Michael Frühwirth und Erika Vass haben für die Krautgemeinde Wetschesch (Vecsés) südlich von Budapest eine Sammlung historischer Fotos in einem Bildband veröffentlicht. Herausgekommen ist ein schöner Band, in dem die Wetschescher nach ihren Vorfahren stöbern können, der aber auch für Ortsfremde interessant ist durch den entstandenen Querschnitt.

Die Bilder sind thematisch zusammengefasst. Das einleitende Kapitel bildet die Familie. Man findet darin allerhand gestellte Gruppenbilder. Viele dieser Bilder wurden im Atelier aufgenommen. Einige Familienbilder entstanden vor dem Haus der Familie. Neben den Fotos von Paaren mit und ohne Kindern dürfen die Hochzeitsgruppenbilder nicht fehlen.

Das nächste Kapitel ist der Jugend gewidmet. Da präsentieren sich sieben junge Burschen stolz im Winter auf dem Pferdewagen. Drei Burschen in Anzug, Handschuhen und mit Hut strecken dem Betrachter die gefüllte Weinkaraffe entgegen. Wer hätte Anfang der 1940er Jahre, als das Foto gemacht wurde, geahnt, dass alle drei Burschen jung sterben sollten. Zwanzig Jahre früher entstanden die Fotos der Burschen, die sich mit blank polierten Stiefeln, weißem Hemd und Weste gruppierten. Ganz städtisch ließen sich zwei Mädchen mit Rüschenschürzen 1917 im Atelier ablichten. Auch die Laientheateraufführungen sind durch zahlreiche Fotos dokumentiert. Und man findet eine ganze Sammlung von Fotos der Weinlesebälle, zu denen sich die Jugendlichen üblicherweise in ungarischer Tracht kostümierten. Es folgen noch eine Reihe Fotos von lustigen Faschingshochzeiten.

Direkt im Anschluss findet man dann die richtigen Hochzeiten. Man kann die Kleidung zahlreicher Hochzeitspaare studieren. Man findet sowohl Paarbilder wie die typischen Gruppenbilder der ganzen Hochzeitsgesellschaft. Gelegentlich stellten sich auch einzelne Gruppen dem Fotografen. Und dann gibt es sogar noch zwei seltene Aufnahmen der Vorbereitungen zu einem Hochzeitsessen 1957. Überhaupt reichen die Fotos bis in die 1950er Jahre. Auch im Kapitel Kirche geht es vor allem um die Menschen. Auch in Wetschesch wurde früher zu Fronleichnam ein Blumenteppich gelegt, wie man auf einem Foto eindrucksvoll sehen kann. Die Erstkommunion wurde oft auf Fotos verewigt. Und man ließ sich bei Wallfahrten fotografieren. Hier findet man Fotos aus Mariazell und Máriabesnyö. [...]

Klaus J. Loderer



Die Ungarndeutschen seit 1989

Koloman Brenner
Die Ungarndeutschen seit 1989

Mit dem besonderen Schwerpunkt auf ihrer sprachlichen Entwicklung

Verlag Eckartschriften 2016. (Eckartschrift; 224).
112 Seiten, zahlreiche Farbbilder und Landkarten.
ISBN 978-3-902350-61-9; 9,20 €.
Bezug: Verlag Eckartschriften – ÖLM, A-1080 Wien, Fuhrmannsgasse 18A
Tel: 0043/67761779955, Fax 0043/1/4022 882, E-Mail: prohaska@oelm.at

Unter den deutschen Volksgruppen in Europa können drei unterschiedliche Gruppen auseinandergehalten werden: Die Deutschen in Westeuropa sind, von der allgemeinen Entwicklung begünstigt, in einer stabilen Lage; während in Polen, Ungarn, Russland und in Kasachstan noch jeweils weit über 100.000 Deutsche leben, sind es in einigen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion wie Armenien oder Aserbaidschan nur noch einige hundert. Insgesamt dürften jedoch allein im Osten Europas noch über eine Million Deutsche leben.

Auch in Ost-Mittel-Europa gibt es deutsche Minderheiten, die zahlenmäßig und von der Organisationsstruktur her relativ stark sind. Hier seien die Deutschen in Polen und Ungarn bzw. in einer gewissen Sonderstellung in Rumänien erwähnt, in allen anderen Staaten ist die Zahl nach der Vertreibung und Verschleppung nach dem Zweiten Weltkrieg auf einige tausend Personen geschrumpft. Diese historischen Prozesse spiegeln sich auch beim Erhalt der deutschen Sprache und Kultur wider. Es ist wichtig zu erwähnen, dass die traditionelle Rolle der deutschen Sprache vor allem auf dem Gebiet der Habsburg-Monarchie bis 1918 einer offiziellen Staatssprache nahestand, da die Eliten dort Deutsch meistens auf einem hohen Niveau beherrschten, unabhängig von ihrem ethnischen Hintergrund. Die Ungarndeutschen sind also in diesem Zusammenhang eine deutsche Minderheitengemeinschaft, die sowohl von der Zukunftsperspektive wie auch wegen der Verbundenheit mit Österreich ein besonderes Augenmerk verdient.

Bis kurz vor der Wendezeit wurde auch die Vertreibung der Deutschen aus Ungarn im Lande weitgehend tabuisiert. In Österreich und der Bundesrepublik Deutschland ist die Frage durch die politische Einflussnahme der Vertriebenenverbände und deren Orientierung leider im Laufe der Zeit zu einem Quasi-Tabuthema geworden, da im Zeichen einer falsch verstandenen politischen Korrektheit in der breiten Öffentlichkeit eine negative Beurteilung von politischen Kräften stattfindet, die sich mit dem Thema beschäftigen. Es ist nicht die Aufgabe dieses Buches, in diese Diskussion einzugreifen, die durch die spezifischen Identitätsentwicklungen in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg noch komplizierter geworden ist. Natürlich können diese Bevölkerungsteile auch Altösterreicher deutscher Muttersprache genannt werden, da sie bis 1918 neben vielen anderen Völkerschaften in der Habsburger-Monarchie Österreich-Ungarn wohnten – ungeachtet der Tatsache, dass die Vorfahren der Ungarndeutschen auch aus anderen Ländern des früheren Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation kamen. Sowohl in Ungarn wie auch in anderen ostmitteleuropäischen Ländern werden die Deutschen verallgemeinernd »Schwaben« genannt. Dies repräsentiert eine bekannte Erscheinung für die Bezeichnung der Ethnien; die »Schwaben« werden verallgemeinert für das Ganze, hier also für alle Deutschen verwendet. Die ersten Ansiedler nach den Türkenkriegen waren nämlich echte Schwaben, sodass die anderen Volksgruppen deswegen einfach alle deutschen Ansiedler als Schwaben bezeichneten. [...]

Gudrun Brzoska



Der Weg der Wünsche

Akos Doma
Der Weg der Wünsche

Roman

Verlag Rowohlt Berlin.
ISBN: 978-3-87134-839-6.
Bezug: Buchhandel, Preis: 19,95 €

Warum fliehen Menschen? Warum flieht eine Familie, die einigermaßen über die Runden kommt im Ungarn der Kádár-Zeit? Teréz, die Mutter und Károly, der Vater, der stille Dulder, dem im Leben schon viel genommen wurde, halten es nicht mehr aus; sie wollen hinaus aus Lüge und Täuschung, aus Beschwichtigungen und Schönreden. Bisher haben sie sich gewehrt, ihre Ideale und Träume hochgehalten, auch wenn sie deswegen bespöttelt wurden.

Der Autor Akos Doma ist auch geflohen, 1972 mit seiner Familie über Jugoslawien, nach Italien. In einem Interview erzählte er: »Geflohen sind wir über Jugoslawien, denn dorthin konnte man noch legal, in den »Bruderstaat«, und dann sind wir illegal über die Grenze nach Italien. Das erste Durchgangslager in Triest war erträglich, da waren wir einen Monat. Danach kamen wir nach Capua, bei Neapel, dort herrschten katastrophale Zustände. Manche Leute haben dort ihr ganzes Leben verbracht, weil kein Land sie aufgenommen hat. ...Für meine Eltern war es ein Alptraum, aber für uns Kinder war es spannend ... Das ist eben die Kinderperspektive. « Und aus dieser Kinderperspektive erzählt er die Flucht noch einmal – im Roman.

Ganz harmlos fängt die Geschichte an, mit Misis siebtem Geburtstag. Die ganze Familie ist zusammen gekommen, wie sonst nie, in einer Einzimmerwohnung ohne Küche und eigenem Bad – allesamt Verwandte der Mutter; der Vater hat schon lange keine Angehörigen mehr. Das Fest, wie auch das Leben der Familie Kallay scheint ein normales in Ungarn zu sein. Silber und Porzellan, aus besseren Tagen herübergerettet, glänzen auf der – allerdings schon angeschlissenen und verblassten – Tischdecke. Das alles kündet von normalem Leben – auch in der bleiernen Zeit des Kádár-Kommunismus mit allerlei Schikanen und Zurücksetzungen. Für die Kinder bedeutet dieses Leben dennoch Sicherheit und Geborgenheit im Familiennest, für den Leser ein Einlullen in scheinbare Normalität: So könnte es weitergehen, ist ja alles nicht so schlimm. Die Leute scheinen politisch nicht verfolgt zu werden – sie leben etwas beengt, aber andere doch auch!

Da taucht der erste Nadelstich auf: Teréz wird ihre Stelle an der Universität gekündigt, d. h., sehr subtil wird sie an einen Arbeitsplatz in die Provinz, weg von Budapest, versetzt – ohne Begründung, was einer Kündigung gleichkommt. Den Grund kennt sie natürlich: Sie weigert sich standhaft, in die Partei einzutreten. Bori, die Tochter, ist 14 Jahre alt. Sie möchte wissen und verstehen, doch die Erwachsenen bleiben im Ungefähren. Die Kinder sollen geschützt, ihr Kindsein noch erhalten werden. [...]

Gudrun Brzoska



Ein anderer Tod

Ferenc Barnás
Ein anderer Tod

Roman

Aus dem Ungarischen von Eva Zador
Nischen Verlag, Wien.
ISBN: 978-3-9503906-3-6.
Originaltitel: Másik halál, 2012.
Bezug: Buchhandel, Preis: 22,00 €.

»Mich interessiert die innere Welt«, sagte der Schriftsteller Ferenc Barnás in einem Interview. Es gehe ihm darum, was in der Psyche des Menschen passiert. Und in der Psyche des namenlosen Erzählers passiert viel: Zunächst schälen sich aus Gedanken- und Erinnerungsfetzen eines ungefähr 50jährigen ehemaligen Lehrers und Universitätsdozenten heraus, dass er einschneidende Erlebnisse oder Begegnungen hatte, die ihn aus der Bahn geworfen haben. Gleichzeitig stellt uns der Autor Ferenc Barnás ein Stück neuere ungarische Geschichte und Zeitgeschichte vor.

Als 51jähriger Saalwärter in einer Galerie lässt unser Antiheld die letzten elf Jahre seines Lebens Revue passieren. Er erzählt unzusammenhängend, was ihm in den Sinn kommt, anmutend wie Traumsequenzen. Für den aufmerksamen Leser sind aber auch die scheinbar losen Anfänge wichtig, denn nach und nach ergibt sich der Sinn.

Seine unzureichenden Bezüge in seinem früheren Leben hatte der Lehrer jahrelang, wie schon zu seiner Studentenzeit, als Straßenmusikant im westlichen Ausland aufgebessert. Es war nicht leicht gewesen für ihn, aus seinem Milieu auszubrechen und es so weit, zu diesen angesehenen Berufen, zu bringen. Eines Tages trägt er sich trotzdem mit dem Gedanken, seine Stellen als Lehrender aufzugeben, nur noch als »Straßenirgendwas« herumzuziehen und sich seinen Texten zu widmen, die er »Variationen« nennt. Es soll kein Roman werden, sondern er möchte sich mit dem Schreiben über etwas, über sich selbst klar werden. »Es macht nicht viel Sinn, wenn ich hier aufschreibe, in welcher Reihenfolge ich meine Stellen als Lehrer gekündigt habe, und wie es zu dieser Zeit ungefähr um mich stand. In Budapest hatte ich in mehreren Schulen mit künstlerischem Schwerpunkt unterrichtet und eine Zeit lang auch an der Universität, dort zwar nicht Literatur, sondern etwas anderes. Ich hatte viel dafür getan, diesen Beruf ausüben zu können. Meine Verwandten glaubten eine ganze Weile nicht, dass ich eine Universität absolvieren könnte, damit hatten sie im Wesentlichen auch recht, schließlich ist das aus dem Landwirtschaftlichen Kombinat in Környe, wenn ich recht weiß, bislang noch niemandem gelungen. Mir ist es gelungen, und lange Zeit schien es tatsächlich so, als wäre ich oben angekommen.« Noch vor seinen Kündigungen lernt er in Kempten an einer Straßenecke, an der er musiziert, einen Deutschen kennen, Michael Landenberg. Dieser Michael war einst als Kellner in Johannesburg beschäftigt gewesen. Dort schmähte und bedrohte ihn ein Bure stundenlang. Nach diesem Erlebnis konnte Landenberg kaum mehr schlafen, nur noch für einige Stunden und nur mit starken Medikamenten. Dies alles erzählt er dem neuen Bekannten in endlosen Satzschleifen. Eine enge Freundschaft beginnt, allerdings meist nur brieflich und später auch telefonisch. Eines Tages überredet ihn Michael, sich nur noch auf die »Variationen« zu konzentrieren und seine Berufe ganz aufzugeben. Er würde für seinen Lebensunterhalt aufkommen. Der Erzähler lässt sich überreden. [...]

Gudrun Brzoska



Die zweite Heimat

Josef Trabert
Die zweite Heimat

Eine Familiengeschichte aus Südungarn

danube books Verlag, Ulm, 2016.
92 Seiten, zahlr. Illustrationen
ISBN 978-3-946046-03-5
Bezug: Buchhandel, Preis: 16,00 €.

»Mensch, ham se det noch net jemerkt«, bekam Josef Trabert in schnodderigem Berlinerisch zu hören, als er schüchtern fragte, ob er in Ost- oder in Westberlin sei. Eigentlich hatte er es schon am Zeitungskiosk gemerkt, in dem es die Berliner Morgenpost, Bananen und Orangen gab, alles Dinge, die in Ostberlin zu Anfang der 1950er Jahre nicht erhältlich waren. Wie kam nun Josef Trabert mit seinen Eltern in diese merkwürdige Situation, dass er furchtsam fragen musste, ob er etwa noch in Ostberlin sei? Der ungarndeutsche Jugendliche aus Véménd hatte zu diesem Zeitpunkt schon einige Sachen erlebt und hoffte nun auf eine bessere Zukunft im Westen. Die Frage nach Ost oder West war damals durchaus berechtigt. In der DDR stand eine unerlaubte Reise in den Westen als Republikflucht unter Strafe. Allerdings war Berlin noch nicht durch die Mauer geteilt, so konnte man in die westlichen Sektoren der Stadt gelangen. Diesen Umstand nutzte die Familie Trabert, nachdem schon einige Familienmitglieder in den Westen gegangen waren. Für eine Familienchronik hat sich Josef Trabert wieder an die Flucht in den Westen erinnert. In dieser Chronik, die nun als Buch im Ulmer Verlag danube books erschienen ist, beschreibt er einen Rückblick auf sein Leben. Vorgestellt werden auch alle Familienmitglieder. So ist eine richtige Familienchronik entstanden. Sie beginnt natürlich in Ungarn, genauer gesagt in der Gemeinde Véménd. Dort wurde Josef Trabert am 9. August 1933 geboren. Zu seiner Jugendzeit gehört auch Kurt Wolke, ein Junge aus Hamburg, der im Zuge der Kinderlandverschickung nach Véménd kam. Aus diesem Sommer entwickelte sich übrigens eine lebenslange Freundschaft. Die beiden Jungs blieben auch noch als Männer in Kontakt und besuchten sich immer wieder. Der Leser erfährt von den Eltern und Großeltern Traberts und sieht auf vielen Fotos, wie sie aussahen. Auch die Entwicklung Josef Traberts vom Knaben im Röckchen zum jungen Mann kann man auf vielen Fotos gut nachvollziehen. Viele Leser werden sich an ihre eigene Jugend erinnert fühlen. Man erkennt eindrücklich, wie die beiden Weltkriege ihre Auswirkungen auf die Familie haben. Man erfährt von der Verschleppung zur Zwangsarbeit nach Russland – und schließlich die Vertreibung. Die Familie kam nach Frauenstein im Erzgebirge. Der junge Mann macht eine Ausbildung zum Goldschmied und man hört von der versuchten Vereinnahmung durch die DDR.

Mit einer Flucht über Berlin gelangte man in den Westen, genauer gesagt nach Ravensburg, wo der Bruder von Josefs Mutter lebte. In Ulm traf er schließlich ein Mädchen seiner Kindheit wieder. Auch Maria Hamburger aus Véménd war in Deutschland. Man verliebte sich, man verlobte sich und 1957 heiratete man und bezog das Haus in Jungingen. Und auch die Kathi, die öfters im Buch vorkommt, war inzwischen in Jungingen gelandet. [...]

Klaus J. Loderer



Suevia Pannonica

Suevia Pannonica

Archiv der Deutschen aus Ungarn


Doppeljahrgang (41/42) 2014–15,
herausgegeben von der Suevia Pannonica
Vereinigung Ungarndeutscher Akademiker, Sitz Heidelberg, und von der
Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn, Sitz Stuttgart
Heidelberg, 2016
208 Seiten.
Bezug: Dr. Johann Till, Altvaterstr. 5, 86650 Wemding
Preis 14,00 €

Der Doppeljahrgang des »Archivs der Deutschen aus Ungarn« beinhaltet zwölf interessante Beiträge aus den verschiedenen Bereichen des Ungarndeutschtums, wie Geschichte, Kunstgeschichte, Druckereiwesen, Medien, Heimatmuseen, berühmte, begabte Persönlichkeiten, Linguistik. Bereits der erste Beitrag ist spannend und hochinteressant, es geht um den aus Kemend (Mariakéménd) stammenden deutschen Künstler Heinrich Stephan mit der Überschrift »Heinrich Stephan – Stefán Heinrich ein Künstler der verlorenen Generation« von Brigitte Spiecker. Die Verfasserin begründet die von ihr gewählten Titel folgend: »Wie der […] ungarische Maler […] Ervin Bossányi […], gehörte Heinrich Stephan in mancher Hinsicht zu den Künstlern der häufiger so bezeichneten verlorenen Generation, die von den katastrophalen Folgen zweier Weltkriege und durch den Heimatverlust geprägt wurden.« Der Untertitel heißt: »Von der Schwäbischen Türkei nach Gelsenkirchen«, den erklärt Frau Spiecker so: »Viele seiner Gemälde, Aquarelle, Lithographien sind verschollen, bei seiner Evakuierung 1944 konnte er kaum etwas mitnehmen. Stephan musste von 1945 ganz neu beginnen«. Stephan Heinrich und seine Familie teilte das Schicksal vieler ungarndeutschen Vertriebenen nach 1944, sein Leben davor war aufregend. Er besuchte das Gymnasium in Fünfkirchen (Pécs}, studierte an der Kunstakademie in Budapest, machte eine lange Italienreise, er begann 1921 ein Bauhausstudium in Weimar und Dessau. 1930 kehrte er mit seiner Familie nach Ungarn zurück. 1940 malte er im Deutschen Haus in Budapest (Lendvay Str.2) ein Großgemälde über die Einwanderung der Deutschen nach Ungarn. Dieses monumentale Bild ist im Krieg vernichtet worden. Von 1948 bis zu seiner Pensionierung 1961 arbeitete Heinrich Stephan im Gymnasium in Gelsenkirchen-Buer als Kunstlehrer. Sein umfangreiches Schaffen in Ungarn und in Deutschland wird im gründlich recherchierten Artikel von Frau Spiecker ausführlich dargestellt. Die hochwertigen Fotos stammen von Rolf-Jürgen Spiecker.

Klaus J. Loderer zeichnet in seinem Beitrag mit dem Titel: »Aus dem Stuhlweißenburger Nikolaus Eibl wurde der Budapester Architekt Ybl Miklós (1814–1891)« den Lebensweg des damaligen Stararchitekts. Seine Bauten, wie die Oper, das Unger-Haus am Museumsring, das Palais des Grafen Alois Károlyi, die Pester Erste Landessparkasse am Kálvin tér, die Franzstädter Kirche, das Margaretenbad auf der Margareteninsel, das Hauptzollamt an der Donau, der Burggartenbazar, der Burggartenkiosk, das Burggartenpalais in Buda. Die Bauarbeiten der St. Stephan Basilika übernahm Ybl vom Architekten Josef Hild und musste noch den Einsturz der Kuppel miterleben, obwohl er die Notwendigkeit der Planänderungen sah, aber zur Ausführung deren kam es nicht mehr. Über dieses Ereignis wurde in allen Architektenblättern in Europa berichtet und die Ursachen gründlich analysiert. Ybl baute nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch in der Provinz. In Kecskemét entstand die evangelische Kirche und er plante und leitete die Bauarbeiten bei der katholischen Kirche in Fóth. Nikolaus Eibl alias Miklós Ybl ist ein exemplarisches Beispiel dafür, wenn man in Ungarn eine Kariere machen wollte, musste man den deutschen Namen ablegen und für einen ungarischen eintauschen. [...]

Katharina Eicher-Müller



Wein und Sinn

Horst Hummel
Wein und Sinn

Essays


Schweikert-Bonn-Verlag, Stuttgart
1. Auflage 2015
64 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-940259-33-2
Bezug: Buchhandel, Preis: 13,95 €

Horst Hummel ist Jurist und Winzer. Der Juristerei geht er in Berlin nach. Den Weinbau pflegt er in Willand (Villány) in Südungarn. Geboren ist er in Reutlingen, die donauschwäbische Abstammung verbindet ihn aber mit dem Kulturraum, in dem er sich nun mit dem Werden edler Rotweine beschäftigt. Diese Passion wissen inzwischen international Weinkenner zu schätzen. Die Etiketten mit der Hummel sind zu einem Begriff geworden. Der Ritterschlag erfolgte mit der lobenden Anerkennung durch den renommierten Weinkritiker Stuart Pigott.

Horst Hummel denkt aber auch über das Wesen des Weins nach. Seine kleinen Weinphilosophien wurden nun zu einem schönen Bändchen zusammengefasst. Darin geht es etwa um Wein und Zeit oder um Wein und Sinn – dieser Essay gab dem Band den Titel. Natürlich darf Wein und Rausch nicht fehlen. Diese Essays sind bei ihrer Hintergründigkeit immer auch kleine Apotheosen auf den Wein – das erstaunt bei einem passionierten Winzer nicht. Und dann gibt es noch einen kleinen Exkurs in das schwäbische Wesen und den Trollinger. Der Trollinger ist ja auch so eine Eigentümlichkeit. Ich amüsiere mich öfters darüber, dass ein ungarischer Rosé dunkler ist als ein Trollinger, der ja als Rotwein gilt. Sehr pointiert geht Horst Hummel die Sache mit dem Trollinger an. Trotz aller Spitzen analysiert er sachlich den ungewöhnlichen, für Hummel ganz entsetzlichen Herstellungsprozess des Trollingers. Der schwäbische Dialekt und die schwäbische Küche kommen nicht viel besser weg. Man liest fasziniert Hummels Deutung des schwäbischen Nationalgerichts Linsen mit Spätzle. Da ist Hummel ein köstliches Kabinettstückchen schwäbischer Besonderheiten gelungen, eine Spezies, die er ja aus seiner Kindheit gut kennt. Unmittelbar nach der Lektüre dieses Textes war ich zu einem schwäbischen Essen eingeladen: es gab Maultaschen. Die umliegenden Teller wurden mit großen Maultaschen und Brühe gefüllt. Dann wurde ein großer Schlag Kartoffelsalat in der Brühe versenkt, während ich in Panik die Brühe auslöffelte, damit solches nicht auch in meinem Teller geschehe und ich meinen Kartoffelsalat trocken essen könne.

Der schwäbische Trollinger kommt auch im Essay »Locus One« vor. Auch hier wird er nicht zu den Höhepunkten europäischer Weinkultur gezählt. Es wird sogar hinterfragt, ob es sich wirklich um Wein handelt. Das wird aber eigentlich nur erwähnt, um zu zeigen, dass nicht nur in den USA Weine unter merkwürdigen Umständen entstehen. Aber eigentlich geht es in dem Text um die Missverständnisse zwischen USA und Europa am Beispiel des Weinhandelsabkommens. Und vor allem erinnert Hummel daran, dass sowohl in den USA wie in Europa gute Weine hergestellt werden.

Ein kleines Nachwort des Kunsttheoretikers Ferenc Jádi, das den Bogen wieder von des Essays zum Wein schlägt, rundet den Band ab.

Klaus J. Loderer



Donaumetropolen

Máté Tamáska
Donaumetropolen

Wien Budapest – Stadträume der Gründerzeit


= Tér és társadalom a dunai metropoliszokban, Bécs és Budapest – a dualiszmus korában.
[Anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Ausstellungszentrum der Vienna Insurance Group].
[Wiener städtische Versicherungsverein ...].
Müry Salzmann Verlag 2015 (Architektur am Ringturm; 40).
ISBN 978-3-99014-118-2.
215 S., überw. ill.
Bezug: Buchhandel, Preis: 28,00 €

Ein Vergleich zwischen den beiden Donaustädte Wien und Budapest kann erhellend sein. Beides sind historische Residenzstädte der Habsburger und in vielen Stadtvierteln von den Bauten des späten 19. Jahrhunderts geprägt. Durch den nicht zu großen Abstand gab es auch fast immer einen wichtigen Austausch. Máté Tamáska hat nun für eine Ausstellung, die letztes Jahr im auf Architektur- und Städtebauausstellungen spezialisierten Wiener Ringturm einen Bildvergleich zwischen Wien und Budapest erarbeitet, zu der der vorliegende Katalog gehört. Als Arbeitsmaterial dienten Tomáska historische Fotos aus dem 19. und dem frühen 20. Jahrhundert. Für Wien stammten diese aus dem Wien Museum, für Budapest aus dem Stadtarchiv Budapest (Budapest Föváros Levéltára) und dem Historischen Museum Budapest in Kleinzell (BTM Kiscelli Múzeum). Konsequent hat er Bildpaare aus beiden Städten gebildet. Mit diesen möchte er die in vielen Bereichen vorhandenen Ähnlichkeiten der beiden Städte zeigen.

Ein markantes Bildpaar für diese Ähnlichkeit ist die Gegenüberstellung des Wiener Rathauses mit dem Budapester Parlament – beides Bauten im neogotischen Stil und in den Details tat- sächlich sehr ähnlich. Die Ähnlichkeiten sind kein Zufall, war der Budapester Architekt Emme- rich Steindl doch ein Schüler des Wiener Architekten Friedrich von Schmidt. Tamáska verweist im begleitenden Text auf die Freiheitsrechte, die im Mittelalter in Wien durch die Stadt, in Ungarn aber durch die Adelsversammlung erkämpft worden seien.

Es ging Tamáska aber auch darum, die feinen Unterschiede herauszuarbeiten. So nennen sich zwar beide Städte gerne Donaumetropole, doch fließt eigentlich nur in Budapest die Donau mitten durch die Stadt. Im historischen Wien war die Donau nur mit einem bescheidenen Sei- tenarm präsent. Auch die vordergründig ähnliche Ringstraße hat doch markante Unterschiede: der Aufreihung staatlicher und städtischer Großbauten in Wien steht in Budapest die fast durchgehende Reihe von Mietshäusern entgegen.

Auf 300 Fotos kann man nun die beiden Städte detailliert vergleichen. Eine thematische Glie- derung fasst die Bilder zusammen. Da kann man etwa im Kapitel Eisenbahn Bahnhöfe und Eisenbahnbrücken vergleichen. Bei allen Unterschieden im Detail kann man oft die gemeinsame Stimmung in beiden Städten bemerken. Das Markttreiben ist auf den Marktplätzen beider Städte ähnlich. Würde man einige Bilder vertauschen, die Betrachter würden es vielleicht gar nicht bemerken, wenn es sich nicht um die bekannten Gebäude handelt. Wer könnte tatsächlich die beiden romantischen Gassen mit den Treppen auseinanderhalten (Seiten 42 und 43) und das Freihaus an der Wiedner Hauptstraße könnte genauso gut auch in Pest stehen wie das ganz ähnliche Orczyhaus zeigt (Seiten 116 und 117). Die Seite 123 zeigt das auch schön: die ländlich wirkenden Innenhöfe sind zum Verwechseln ähnlich.

Was die Wiener hatten, wollten die Budapester natürlich auch haben. Auch wenn der Elisabethplatz in Budapest viel kleiner ist als der Wiener Stadtpark, die geometrischen Blumenrabatten sprechen eine gemeinsame Sprache und der Kiosk auf dem Platz war eben irgendwie doch eine kleinere Variante des Wiener Kursalons. Es soll aber nicht der Eindruck entstehen, in Budapest sei alles kleiner als in Wien.

Man kann in den alten Fotos nostalgisch in Monarchiezeiten spazieren gehen oder man analy- siert die Bilder stadthistorisch. Für beide Nutzungen ist der Band eine wunderbare Grundlage. Herausgekommen ist ein schöner Band in der Reihe »Architektur am Ringturm«, die inzwischen eine breite Dokumentation zur modernen Architektur in Ost- und Mitteleuropa bietet.

Klaus J. Loderer



»Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei«

Joschi Ament (Hg.)
»Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei«

Das Schicksal der Deutschen aus Elek in Ungarn


Sinsheim 2015 (Eigenverlag)
407 Seiten
Bezugspreis: 39,00 € zzgl. Porto
Bezug: Joschi Ament, Tel. 07261 / 17667
joschi.ament@googlemail.com

Bisher einmalig in der Ortsgeschichte der einstigen fränkischen Großgemeinde in Südost-Ungarn beschreibt der Autor die Themengebiete von Flucht, Deportation, Vertreibung, Einglie- derung und Integration der Deutschen aus Elek. Im Mittelpunkt der Publikation steht die Ver- treibung der Deutschen Bevölkerung aus Elek nach dem Zweiten Weltkrieg.

Um die Zusammenhänge zwischen Deutschen und Ungarn und um letztendlich die Hintergründe der Vertreibung verstehen zu können, beginnt die Dokumentation mit der Ansiedlung der Donauschwaben zu Beginn des 18. Jahrhunderts.

Der Autor beleuchtet die Nationalitätenfrage verbunden mit dem aufkommenden Nationalitätenproblem nach dem Ersten Weltkrieg ebenso wie die Madjarisierung und die Spaltung zwischen Volksbund und Treuebewegung auf lokaler Ebene bis hin zu den Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges und der Flucht aus Elek im September 1944.

Zentrale Themen nehmen die Deportation zur Zwangsarbeit nach Russland, die Enteignung, die Vertreibung und der Verlust der Heimat in Ungarn sowie die Ausgangslage der Heimatvertriebenen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Neben der historischen Aufarbeitung dieser Themenkomplexe macht der Autor durch zahlreiche Zeitzeugenberichte die damaligen Umstände auf lokaler Ebene greifbar.

Abgerundet wird die Dokumentation mit den Kapiteln Eingliederung und Integration, die über die Patenschaft der Stadt Leimen über die aus Elek und Almáskamarás stammenden Deutschen bis zum Ausblick der Eleker Gemeinschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts reicht.

Damit ist das Buch nicht nur für die Erlebnisgeneration, sondern auch für die nachkommenden Generationen der Heimatvertriebenen aus Südosteuropa besonders lesenswert.

Der Autor Joschi Ament hat väterlicherseits seine Wurzeln in Elek. Er wurde 1971 in Heidelberg geboren und gehört damit der so genannten Bekenntnisgeneration an.

Seit seiner frühen Jugend beschäftigt er sich mit der Geschichte und Identität seiner Familie in Elek. Er pflegt bereits seit 1987 rege Kontakte nach Elek.

Seit 2001 ist er Mitglied des Eleker Heimatkomitees, seit 2005 Vorsitzender des Kulturkreises Elek, der führenden Organisation der Eleker Gemeinschaft in Deutschland.

Für sein Engagement zum Wohle der Völkerverständigung zwischen Elek und Deutschland wurde ihm bereits 2008 die höchste Auszeichnung der Stadt Elek – die »Elekért«-Verdienst- medaille – verliehen.

Das nun vorliegende Buch ist das Ergebnis von nahezu zehn Jahren intensiver Recherche und Dokumentation und gewährt einen detaillierten Einblick in das Schicksal der Deutschen aus Elek in Ungarn.




Fieber am Morgen

Péter Gárdos
Fieber am Morgen

Roman


Aus dem Ungarischen von Timea Tankó.
Verlag: Hoffmann und Campe, Hamburg, 2015.
ISBN: 978-3-455-40557-6.
Originaltitel: Hajnali láz, 2015.
Bezug: Buchhandel, Preis: 22,00 €

Péter Gárdos bekommt nach dem Tod seines Vaters die Liebesbriefe in die Hand, die er sich mit seiner Mutter im fernen Schweden geschrieben hatte. Der Autor, er ist Regisseur, macht ein Buch daraus, in dem er abwechselnd den Vater mit Zitaten aus seinen Briefen – und die Mutter mit ihren Briefen zu Wort kommen lässt – wie in Filmsequenzen.

Der Roman, eine Neuerscheinung dieses Herbstes, erhitzt die Kritikergemüter: Vom »anrührenden, einfühlsamen Roman« bis zum »Holocaust-Kitsch« sind fast alle Meinungen vertreten. Es herrscht Unverständnis darüber, dass einer, der dem KZ entkommen ist, eine Frau heiraten möchte, die das gleiche Schicksal überwunden hatte: Eben darum, weil man diese grausame Zeit nicht wieder und wieder erzählen muss, da der Andere Ähnliches erlebt hatte. Und als kitschig wird empfunden, dass ein Todkranker einen solchen Optimismus aufbringt, seine Krankheit mit Liebe zu besiegen, dabei meist heiter bleibt und sich seinen Lebenstraum von niemandem ausreden lassen will – auch nicht vom nahen Tod; und dass dieser Traum auch noch in Erfüllung geht! Dieses Buch handelt vom Überleben, während der Tod noch immer nach den Erretteten greifen will.

In der Fernsehsendung »Titel Thesen Temperament« kommen der Regisseur Péter Gárdos und seine Mutter Ágnes – im Buch »Lili« zu Wort. Sie erzählt, dass sie ihrem Sohn die Briefe überlassen habe, damit er daraus etwas mache. Sie selbst sei nicht über den ersten Brief hinausgekommen, so sehr habe sie die Erinnerung aufgewühlt, die sie doch habe hinter sich lassen wollen.

Und das Vergessenwollen wird auch im Roman deutlich: Nie erwähnen die Beiden in ihren Briefen die schrecklichen Erlebnisse in KZ und Lager – nur der Sohn und Autor deutet manches an. Beide haben einen unbedingten Lebenswillen, wollen nur noch vorwärts schauen, alles hinter sich lassen, was sie in die Unmenschlichkeit der Vernichtungslager gebracht hat – die Mutter sogar ihr Judentum, mit dem sie nichts mehr zu tun haben will.

Sie, Lili, veranstaltet mit ihren beiden Freundinnen Sára und Judit bunte Abende in den Krankenlagern in Schweden, wohin sie nach ihrer Befreiung vom Roten Kreuz gebracht wurde. Er, Miklós, schreibt Briefe. Über die Zentrale Meldebehörde für Flüchtlinge in Schweden hat er sich eine Liste schicken lassen von allen jungen Frauen, die aus der Nähe seiner Heimat, aus Debrecen und Umgebung stammen. Es sind 117 Frauen. Eine von ihnen möchte er heiraten. Also beginnt er eine rege Korrespondenz mit allen Frauen »Er schrieb mit Bleistift, in seiner wunderschönen Handschrift«, stellt sich als Journalist und Dichter vor, sortiert aus. »Die hundertsiebzehn Briefe sahen fast so aus, als hätte man sie mit Durchschlagpapier geschrieben. Sie unterschieden sich nur in einem einzigen Wort: dem Namen in der Anrede«. 18 junge Frauen antworten ihm, doch von einer weiß er ganz genau: »Sie ist die Richtige« – »Woher weißt du das?« fragt ein Freund. »Ich weiß es einfach«. Miklós will leben, sich verlieben, heiraten. Fürs Sterben hat er keine Zeit, obwohl ihm sein schwedischer Arzt, Dr. Lindholm, ganz klar sagt, dass er mit seiner Tuberkulose in fortgeschrittenem Stadium höchstens noch ein halbes Jahr zu leben habe. Miklós ignoriert das – sollen doch andere sterben. Dafür hat man ihn nicht aus Bergen-Belsen errettet, dass er hier in Schweden stirbt! Dickköpfig und stur hält er an seinem Lebensplan fest. Irgendwie scheint er nicht ganz von dieser Welt: Er lächelt, wenn er eigentlich verzweifeln müsste. Doch er kann sich nur vor dem Tod retten, indem er sich an das Leben klammert. [...]

Gudrun Brzoska



Aquarium

Krisztina Tóth
Aquarium

Roman


Aus dem Ungarischen von György Buda.
Originaltitel: akvárium, 2013.
Nischen Verlag, Wien 2015.
ISBN 978-3-9503345-9-3.
Bezug: Buchhandel, Preis: 23,00 €

Bereits ihre beiden, in Deutschland publizierten Novellenbände »Strichcode« und »Pixel«, haben in der Kritik für einiges Aufsehen und positive Resonanz gesorgt. Nun macht uns der Nischenverlag mit dem ersten Roman von Krisztina Tóth bekannt.

Wie in ihren Novellen, die zusammengenommen doch ein Ganzes aus lauter Einzelerzählungen ergaben, so bilden hier Menschen, die kaum in zwischenmenschlicher Berührung stehen, eine gebundene Geschichte, einen Roman. Dieser erzählt auf den ersten Blick eine einfache Geschichte: Die Geschichte eines verstoßenen Mädchens, das, als es selbst Mutter wird, die eigene Mutterrolle genauso wenig annehmen kann und ihrerseits die Tochter abgibt. Der Kreis schließt sich; denn das Kind wird ausgerechnet bei seiner Großmutter abgestellt, die ob ihres unsteten Lebens damals ihre Tochter in ein Waisenhaus abgegeben hatte. Auf den zweiten Blick erweist sich die Geschichte aber als sehr vielschichtig: In sich geschlossene Erzählungen, wie z. B. die »vom kleinsten Hut der Welt« sind ebenso zu finden, wie atmosphärische Erzählungen zu Historie und Zeitgeschichte. Dazu muss der Leser sehr aufmerksam in die Geschichte eintauchen: Krisztina Tóth macht eine Familie lebendig von den Nachkriegszeiten bis Ende der 70er Jahre in Budapest. Wieder einmal nimmt die Autorin in drastischen Bildern die Zeit der Diktaturen in Ungarn unter die Lupe, wobei sie auch die Zeit der Judenverfolgung nicht ausschließt. Sie bleibt sich treu: Auch im Roman wendet sich nichts zum Guten, deutet sich kein hoffnungsfrohes Ende an. Wie das titelgebende Aquarium verfällt das Leben ihrer Figuren und erlischt im Trüben. Sprachlich ist ein weiteres Mal Tóths skurril-ironischer Erzählton zu bewundern, der auch kleinste Episoden aufspießt – meisterhaft übersetzt in österreichischem Sprachklang von György Buda.

In bescheidenen Verhältnissen leben die Protagonisten, hermetisch abgeschlossen, mit wenig Kontakt nach außen. In drei Teilen blättern sich uns Lebensgeschichten und Lebensabschnitte auf, wobei der erste Teil nicht nur als Zeitraffer über die ganze Geschichte fungiert, sondern auch die erste und dritte Generation zusammenbringt. Dabei bestimmen vor allem die Frauen den Fortgang der Geschichte: die schrullige Großmutter Klari-Oma, eine Roma, die ihre Tochter Vera in ein Waisenhaus abgeschoben hatte, aus dem sie von Tante Edit und Onkel Jóska, dem jüdischen Ehepaar Weininger herausgeholt wird. Die praktische Edit hält die Zügel in der Hand; denn sie hat nicht nur für ihre schwachsinnige, aber gutmütige Schwester Edu zu sorgen, sondern auch für ihren Mann, der das Elend des Lebens am liebsten bei Schachspiel und Schnaps vergessen möchte. Die dunkelhaarige Vera kann Abitur machen und versucht, sich aus der Enge und dem eintönigen Leben ihrer Jugend zu befreien. In ihren Träumen will sie eine moderne junge Frau werden, blond und schön wie ein Mannequin aus dem Westen. Ob ihre kleine Tochter Vica einmal die Möglichkeit haben wird, in ferner Zukunft aus den erstarrten Verhältnissen herauszukommen, lässt die Autorin offen. Es könnte gut sein, dass auch hier nur die Sehnsucht danach übrig bleiben wird. [...]

Gudrun Brzoska



Der Neunte

Ferenc Barnás
Der Neunte

Roman


Aus dem Ungarischen von Eva Zador.
Originaltitel: A kilencedik, 2006.
Nischen Verlag Wien 2015.
ISBN: 978-3-9503906-0-5.
Bezug: Buchhandel, Preis: 21,00 €

Im Traum ist er mutig, da nimmt er es sogar mit seinem Peiniger Perec auf und erledigt ihn einfach. Er, der Erzähler, ist das neunte von elf Kindern einer bitterarmen Familie in Ungarn. Nach dem Krieg wurde sein Vater aus der Volksarmee entlassen, weil er sich weigerte der Partei beizutreten. Daraufhin war er gezwungen, einen Beruf nach dem anderen zu lernen. Den »Roten« wollte er es zeigen. Und so kam er auf den Gedanken, heimlich Rosenkränze zu fabrizieren und später auch Heiligenbilder zu vermarkten. Im Jahr 1968, während der Kádár-Diktatur, ist die Familie gerade dabei, mit Hilfe eines Darlehens ein größeres Haus zu bauen. Vor zweieinhalb Jahren waren sie aus Debrecen nach Pomáz, nahe Budapest, gezogen und leben seither in einer Einzimmerwohnung auf 20 Quadratmetern. Nur die älteste Schwester, Klara, war dort geblieben weil sie geheiratet hatte.

Der neunjährige Erzähler, behindert von Sprachproblemen und einer Handverletzung, der nur zweimal bei seinem Spitznamen gerufen wird – liebevoll von seiner Schwester »Struwwelchen« – oder im Zorn vom Bruder »Blauer!« – ist die Stimme seiner Familie. Er macht sich über alles Gedanken, was er sieht und erfährt, spontan, ungeordnet. Es ist eine einfache, klare, aber nicht kindliche Stimme, welche da Wahrheiten aufdeckt und ausspricht: die bedrückende Armut, die sie zu Außenseitern macht, die übergroße Nähe auf den zusammengestellten Betten, gleichzeitig die körperliche Distanz, ja Prüderie der Eltern und über allem der Zusammenhalt in der Familie. Die Mutter hatte eigentlich Pianistin werden wollen, dann Nonne, bis sie den Vater kennen lernte, der damals Offizier war. Seine Offiziersallüren hat er beibehalten und kommandiert nicht nur die Familie, sondern auch Nachbarn, Arbeitskameraden und alle Welt schneidig herum. Ausnahmen macht er nur, wenn er »Staatsleute« vor sich hat. Von seinen Kindern verlangt er, dass sie arbeiten sollen wie er: »Ich glaube, in erster Linie stört ihn, dass wir liegen, und dann erst, dass wir nicht arbeiten. In seinem Kopf vermischen sich die beiden Sachen vermutlich, deshalb schreit er wohl an einem Tag das Es-ist-ungesund-so-viel-zu-schlafen und am anderen Tag das Solang-ihr-rumliegt-soll-ich-mich-abrackern.«

Die Mutter scheint nur dann richtig lebendig zu werden, wenn sie in der Kirche ist und Harmonium spielt.

Ihre Armut ist nicht nur existenzbedrohend, sie ist eine Katastrophe für den Erzähler, der alles daransetzt, niemanden merken zu lassen, welche Zustände zu Hause herrschen. Und trotzdem, Kind, das er ist und nichts anderes kennt, nimmt er hin, was kommt, das herrische Wesen des Vaters, die Schläge, die Marotten seiner Geschwister, das Mobbing durch die Schulkameraden, die in ihm das wehrlose Opfer spüren. Wehren tut er sich nur im Traum. Tagträume hat er nicht. Dafür ist keine Zeit – da muss der Alltag bewältigt werden: Die Kälte im Haus, wenn kein Geld da ist für Kohlen, das unregelmäßige Essen, der ständige Hunger, der ihn in die Metzgerei und ins Café treibt, nur um sich dort Wurst oder Kuchen anzuschauen, der Blick in die Fenster anderer Leute: »Im Allgemeinen gefällt mir am besten, dass es überall sauber ist und dass es richtige elektrische Lampen gibt«. Die vielen Gedanken, die er sich über alles machen muss. Erklärt wird nichts, die Kinder haben zu gehorchen. [...]

Gudrun Brzoska



Die Geschichte der Doroger Deutschen

Ursula Ackrill
Zeiden, im Januar

Roman


Verlag: Klaus Wagenbach, Berlin, 2015.
256 Seiten. Gebunden.
ISBN: 978-3-8031-3268-0.
Bezug: Buchhandel, Preis: 19,90 €

Was wissen wir in Deutschland – und im wieder vereinigten Europa – über Siebenbürgen, genauer über die deutsch sprechenden Siebenbürger Sachsen? Sehr wenig bis gar nichts, erfuhr ich in zahlreichen Gesprächen. Als ich »Zeiden, im Januar« in die Hände bekam, war ich sehr erfreut; denn die anfangs fast ausnahmslos guten, bis überschwänglichen Kritiken hatten mich neugierig gemacht. Die Autorin kam mit ihrem Debütroman sogar die Shortlist für den Leipziger Buchpreis! Mit diesem Buch, so dachte ich, könnte uns im Westen wieder ein Land mit seinen Menschen näher rücken, vor allem mit der Fokussierung auf eine kritische, folgenreiche Zeit. Doch leider musste ich bald ernüchtert feststellen, dass zwar über einen kleinen Zeitabschnitt, nämlich den Januar 1941 viel, über den 21. Januar fast minutiös, berichtet wird, ja, dass fast die ganze Geschichte der Zeidener und auch des übrigen sächsischen Siebenbürgen nur auf diesen einen Punkt hinzulaufen scheint, als die Zeidener sich nämlich entschlossen, dem Werben der Nazis nachzugeben und ihre jungen Männer in die Waffen-SS einschmuggelten. Von der jahrhundertealten Kultur- und Historienerzählung erfährt der Leser nur bruchstückhaft und ohne Zusammenhang. Das ist schade. Stattdessen muss er viel selbst recherchieren und häufig nachschlagen welche, der handelnden Personen fiktiv oder historisch verbürgt sind.

Sicher, die Autorin möchte nur die Zeit genauer beleuchten, in der sich für die Zeidener alles zum Schlechten wandte. Aber wie konnte es dazu kommen? Sie erwähnt nur am Rande und eher vorwurfsvoll, dass sich die Bevölkerung immer wieder ihre Eigenständigkeit erkämpfen musste, dass das Königreich Rumänien nach dem 2. Weltkrieg mit dem Versprechen lockte, den Sachsen ihre Selbständigkeit zurückzugeben, diese Zusage aber nicht einhielt. Aus dieser Enttäuschung heraus und um endlich wieder etwas zu gelten, schlossen sich die Siebenbürger, ähnlich wie die Banater, Nazideutschland an. So darf man die Geschichte meines Erachtens nicht verkürzen. Darum halten sich Lob und Kritik hier die Waage: Lob, weil Ackrill ein Thema in ihrer Heimat Siebenbürgen angepackt hat, das so bisher noch nicht beleuchtet worden war. Sie wirft ein Schlaglicht auf die Verführung und die Verführbarkeit der Siebenbürger Sachsen durch Nazideutschland. Bislang war eher vom Elend zu lesen gewesen, das die Bevölkerung nach dem verlorenen 2. Weltkrieg mit Deutschland getroffen hatte, nämlich die Enteignung, die Verschleppung der arbeitsfähigen Menschen zur Zwangsarbeit in die UdSSR und die Repressalien in der dann folgende Diktatur in Rumänien. Die Autorin entwirft einen bunten Erzählteppich von Geschichte und Geschichten, stellt ihre Protagonisten mit ihren Biografien vor, flicht Erzählungen von früher ein, die teils authentisch, teils fiktiv sind. [...]

Gudrun Brzoska



Die Geschichte der Doroger Deutschen

Archiv der Deutschen aus Ungarn

Doppeljahrgang (39/40) 2011–12,
herausgegeben von der Suevia Pannonica, Vereinigung
ungarndeutscher Akademiker, Sitz Heidelberg
und von der Landsmannschaft der Deutschen
aus Ungarn, Sitz Stuttgart, Heidelberg,


2015, 202 Seiten.
Bezug: Dr. Johann Till, Altvaterstr. 5, 86650 Wemding
Preis: 14 €.

Der Doppeljahrgang des »Archivs der Deutschen aus Ungarn« lässt Einblicke in die kulturelle Vielfalt des Ungarndeutschtums gewähren. Neben geschichtlichen Beiträgen, wie »Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Schicksal der Deutschen in Ungarn im 20. Jahrhundert« von Gábor Gonda, »Marko: Geschichte der Ansiedlung und der Vertreibung« von Franz-Ferry Seidl und »Rückführung volksdeutscher Kinder aus Jugoslawien und ihre Eingliederung in die Bundesrepublik« von Franziska Peter findet der interessierte Leser einen Artikel über das volkskundliche Thema »Die Volkstracht von Marko« von Michael Heizer-Somhelyi.

Franziska Peters verfasste ihren Aufsatz 1956, also vor fast 60 Jahren, aber das Thema Flüchtlinge und deren Schicksale, das Erlebte in der Heimat, aus der sie geflüchtet sind, ihre Aufnahme und Integration ist ein noch heute hochaktuelles Thema in Europa. Die Verfasserin zeigt donauschwäbische Schicksale auf, als Familien infolge der Flucht, Vertreibung, Deportation nach Russland und des Genozids an der deutschen Bevölkerung seit 1944 im ehemaligen Jugoslawien getrennt wurden und Kinder alleine zurückgelassen wurden und werden mussten. Diese Kinder kamen in serbische, kroatische Erziehungsheime, wo sie ganz bewusst von ihren Geschwistern getrennt wurden und in einer fremden Umgebung für die Ziele des Staates erzogen wurden. Eine große Anzahl von ihnen wurde sogar adoptiert. Mit Hilfe des Roten Kreuzes wurden viele ausfindig gemacht und im Zuge der Familienzusammenführung nach Deutschland zu ihren für sie unbekannten Angehörigen als Heranwachsende ohne Deutschkenntnisse gebracht. Ihre Probleme und Integration kann man heute exemplarisch betrachten.

Zu dem deutschsprachigen Theaterleben in Ungarn gehört auch das Puppentheater, mit diesem Thema beschäftigt sich der Beitrag »Aufstieg und Niedergang des deutschen Puppentheaters in Ungarn« von Vilmos Voigt. Die ungarndeutsche Literatur wird durch den Aufsatz von Eszter Probszt repräsentiert: »Die ungarndeutsche Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg-Überblick«. Harald Pöcher beschreibt die Wichtigkeit der Zusammenfassung der militärwissenschaftlichen Werke in Europa. »In einem vereinten Europa sollten auch die militärwissenschaftlichen Errungenschaften der einzelnen Nationen zu einem »Europäischen Gesamtwerk« vereinigt werden«, wie der Autor im Kapitel 6 seines Artikels: »Zrinyi Miklós (1620–1664)« schreibt. Im Aufsatz würdigt der Verfasser die Tätigkeit des Staatsmannes, Poeten, Feldherren und Gründungsvaters der ungarischen Militärwissenschaften Miklós Zrinyi, der ursprünglich Nikola Zrinski hieß. Im Beitrag von Josef Schwing stellt der Verfasser richtig, woher das Wort »Ulaner« kommt und beweist, dass kein Tanz gleichen Namens in Südungarn existiert. Der Beitrag trägt die Überschrift: »Wie aus den Ulanern Kuhländler wurden oder die wunderbare Vermehrung absurder Wortdeutungen«. Kornél Pencz befasst sich in seinem Artikel »Suche nach der eigenen Identität. Der Arbeitskreis ungarndeutscher Familienforscher e. V. Baja/Ungarn« mit der Frage, ob die Ahnenforschung zur Identitätsfindung führt.

Der Doppeljahrgang des »Archivs der Deutschen aus Ungarn« endet mit Buchbesprechungen. Den Band schmückt ein vierfarbiges Bild von Josef de Ponte mit der Überschrift: »Gaia«, die Mutter der Erde in den antiken Vorstellungen. Für den vielfältigen, informativen Inhalt ist Rudolf Fath verantwortlich.

Katharina Eicher-Müller



Die Geschichte der Doroger Deutschen

Noémi Kiss
Schäbiges Schmuckkästchen

Reisen in den Osten Europas – Bukowina – Czernowitz –
Galizien– Gödöllő – Lemberg – Siebenbürgen – Vojvodina


Aus dem Ungarischen von Eva Zádor.
Europa Verlag Berlin, 2015. ISBN 978-3-944305-97-4.
Originaltitel: Rongyos ékszerdoboz.
Utazások keleten, 2009.
Die deutsche Ausgabe wurde von der Autorin überarbeitet und erweitert.
Bezug: Buchhandel; Preis: 17,99 €

Zehn Jahre lang reiste die Autorin immer wieder in die Ränder des ehemaligen Habsburgerreiches, in den Osten Europas, im Bus, im Zug, im eigenen Auto. Drei Mal schloss sie sich der Busreise einer wissenschaftlich geführten Reisegruppe von Anthropologen und Ethnologen an, welche vor allem die unterschiedlichen Nationalitäten und Sprachen suchte. Noémi Kiss nimmt uns mit auf diese Reisen, lässt uns in Essays teilhaben an Jahreszeiten, an Landschaften, an Menschen, Geschichte, Geschichten und Legenden. Einige Städte und Landschaften zieht sie besonders ins Rampenlicht, beleuchtet sie vom Historischen her und vergleicht den Aufbruch in die Gegenwart, den oft schwierigen Start in diesen Regionen voller politischer und gesellschaftlicher Umbrüche. In den Regionen der alten k.u.k. Monarchie lebten früher viele Ethnien, zogen viele verschiedene Völker durch – einige blieben hängen. Sie alle zusammen woben an der bunten Verschiedenheit dieser Landschaften.

Von ihren Reisen hat sie ganz unterschiedliche Erinnerungen mitgebracht – und doch ist ihnen gemeinsam: Die eigene Erwartung, die sich oft genug ins Gegenteil verkehrte, der gleichzeitige Aufbruch der Regionen im scheinbaren Stillstand. Es scheint, als sei die Vergangenheit dort irgendwie festgefroren.

Erst als Noémi Kiss 2014 nochmals nach Galizien reist, sieht sie den Unterschied: Vieles hat sich geändert, zum Besseren – aber auch zum Schlechten: Der Krieg in der Ukraine lag schon in der Luft; und noch während sie dort ist, kommt die Nachricht, dass Putin sich die Krim geholt hat.

Kiss schreibt keine literarischen Reiseerlebnisse, eher ethnologische und geschichtliches, die sie zusammengetragen hat. Es kommt ihr auf die unterschiedlichen Sprachen an, wie sie in einem Interview erzählt, auf die Fremdheit der Namen – und auch auf das Geheimnisvolle, das hinter diesen Namen steckt, wie ich als Rezensentin meine, die ich einige osteuropäische Länder auch bereist habe. Auf jeden Fall machen ihre Reiseessays neugierig – und am liebsten würde ich gleich meinen Koffer packen, um mit neuen Erkenntnissen, aber auch mit neuen Fragen dahin zu reisen.

Von ihrem eigenen Land, Ungarn, möchte sie nicht sprechen. Nur ihrer Großmutter, der Rektorin der »Englischen Schule« in Gödöllő, setzt sie ein liebevolles Denkmal – und erzählt damit eine kleine Geschichte über die Zeit vor der Wende. [...]

Gudrun Brzoska



Die Geschichte der Doroger Deutschen

Heimweh nach Omas Küche

Donauschwäbische Gerichte


Hrsg. von Oswald Hartmann, Red. Marta Wolf.
Oswald Hartmann Verlag Sersheim 2014.
ISBN 978-3-925921-93-9
160 S., Ill. 12,80 €.
Bezug: Oswald Hartmann Verlag, Pf. 1139, 74370 Sersheim
Tel. 07042/33604, Fax 07042/830059
E-Mail: Oswald.Hartmann@t-online.de

Ein neues donauschwäbisches Kochbuch ist kürzlich im Oswald-Hartmann-Verlag erschienen. Es fasst zahlreiche Rezepte zusammen, die über Jahre im Donautal-Magazin erschienen sind. Den Kern der Sammlung bilden »mit Hand flüchtig aufgeschriebene Koch- und Backrezepte« der Mutter des Herausgebers Hartmann. Im Vorwort erinnert er sich an seine Jugendzeit, als ihn seine Mutter und Großmutter mit leckeren »Bissen« überraschten und verwöhnten: »Vor allem, wenn es hieß, heute wird Kuchen gebacken, freute ich mich nicht nur auf das fertige Gebäck, sondern auch auf die Möglichkeit, die Reste aus dem Gefäß, in dem die Kuchenfüllung angerührt wurde, mit einem kleinen Löffel herauszukratzen. Das war etwas Herrliches, wonach ich heute noch Heimweh habe.« Das ist natürlich eine Erinnerung vieler ehemals kleiner Jungen, die bei Mama und Oma die Schüssel ausschlecken durften.

Marta Wolf hat diese Rezepte und die zusätzlich von Leserinnen eingesandten Rezepte gesichtet, sortiert, ergänzt und aufbereitet, damit daraus ein Koch- und Backbuch mit 156 Rezepten entstehen konnte. Marta Wolf wird uns als Kennerin der donauschwäbischen Küche vorgestellt. Ganz bescheiden erzählt sie uns, dass das auch schon ganz anders gewesen sei, nämlich als sie zehn Jahre alt war und die Mutter einmal zu Verwandten nach Budapest gefahren war. Da hätte der Vater gerne nach dem von der Mutter noch vorbereiteten Mittagessen gerne noch Nusskipferl gegessen. Das artige Töchterlein habe sich auch sofort daran gemacht, aus der Erinnerung – schließlich habe sie der Mutter oft genug beim Backen zugeschaut – die Hefekipferl zu backen. Da sie ein kleines Detail nicht beachtet habe, seien allerdings steinharte Hörnchen zustande gekommen. Sie habe nämlich die Hefe in heißer Milch eingeweicht, statt in lauwarmer, so sei diese dann nicht mehr gegangen. Das gibt Marta Wolf den Lesern des neuen Kochbuchs mit auf den Weg. Und sie hat sich beim Schreiben der Rezepte auch bemüht, genau solche kleine Details zu erwähnen, dass man beim Nachkochen keine böse Überraschung erlebt.

Die Rezepte sind in acht Hauptgruppen sortiert, Suppen, Hauptgerichte, Soßen, Beilagen, Salate, Nachspeisen, Kuchen und Torten. Dann folgt noch eine Sammlung sonstiger Rezepte. Das reicht dann von der Zubereitung türkischen Kaffees über Schmierkäse bis zum Eindüsten krautgefüllter Paprika. Kulturübergreifend erfährt man auch die Herstellung der serbischen Spezialität Gibanica. Dass allein zwanzig Suppenrezepte aufgelistet sind, zeigt schon die Bedeutung dieses Gangs im donauschwäbischen Speisregister.

Der Band soll aber nicht nur eine Anleitung sein, wie man donauschwäbische Gerichte zubereitet, sondern es hat auch den kulturgeschichtlichen Anspruch, die Rezepte vor dem Vergessen zu bewahren. Außerdem sollen Anfänger und Spezialisten bedient werden, damit sie »Abwechslung in die monotone Fastfood-Ernährung bringen können.« Illustriert ist der Band mit zahlreichen Fotos der Speisen. Außerdem ist jedem Kapitel eine Federzeichnung als Vignette zugeordnet.

Klaus J. Loderer



Die Geschichte der Doroger Deutschen

Unser Hauskalender 2015

Das Jahrbuch der Deutschen aus Ungarn


67. Jahrgang. 144 Seiten.
Redaktion, Layout und Gestaltung, Umschlagentwurf: Klaus J.
Loderer.
ISBN 978-3-7966-1661-7. 2014.
Preis: 13,50 € zuzüglich Porto und Verpackung.
Bezug: Schwabenverlag Media, Senefelderstraße 12, D-73760 Ostfildern.

Den blau-weißen Umschlag mit dem Wappen der Deutschen aus Ungarn, gezeichnet von Josef de Ponte, schmücken (auf der Vorder- und Rückseite) schöne Farbbilder der St. Stephans-Basilika, als »Vorboten« der Würdigung ihres Architekten, Miklós Ybl, im Beitrag von Klaus J. Loderer auf den Seiten 71–89 (siehe unten). Es werden die Namenstage aufgelistet; auf den rechten Seiten zeigen die Kalenderbilder Kirchen aus ungarndeutschen Orten, Aufnahmen von József Gaugesz.

Der erste Artikel, »Die Nachbarsleut’« (S. 31–32), von Anna Ranger geb. Tix, deren Eltern in Leinwar (Leányvár) eine Metzgerei hatten, schreibt über ihre Erinnerungen an einzelne Personen einer harmonischen Dorfgemeinschaft, die sich zu einem Mosaik zusammenfügen. Mehrere Männer des Ortes waren Bergleute, woran das anschließende »Bergmannslied« erinnern soll.

Eine Nachfahrin vertriebener Deutschen aus der Umgebung von Fünfkirchen, Diana Feuerbach, berichtet in geschliffenem Stil mit dem Titel »Üdvözöljük!« [Willkommen!] (S. 33–42) über ihre (nicht nur positiven) Eindrücke in Fünfkirchen. An die widersprüchlichen, ja rätselhaften (schwabenfreundlichen oder -feindlichen) Deutungen der Bronzestatue, eines jungen schwäbischen »Wanderers«, im Hof des Lenau-Hauses anknüpfend, beschreibt sie mit Ironie manche Auswüchse der ungarischen Lebensart und kritisch die heutige Lage der Ungarndeutschen, um dann doch auch gute Seiten zu entdecken. Ergreifend ist der Abschnitt über ihren Besuch im Heimatort ihrer Ahnen, der sie zu deren Wohnhaus und Grabsteinen führt. Dies alles konnte sie noch ihrer Oma kurz vor ihrem Tod berichten.

Der Beitrag »Magdalena Schmid aus Ratzpeter sowie Simon Bauer aus Deutschtewel und das Ringen um ihre Erbschaft« (S. 43–49) von Karl-Peter Krauss, Historiker im Donauschwäbischen Institut in Tübingen, führt uns mit einer merkwürdigen Geschichte in die Zeit der Ansiedlung. Er schildert uns, unter welchen Schwierigkeiten Auswanderer zu ihrem Erbe gelangten. Im vorliegenden Fall musste die Erbin ein Jahr warten, weil sie ihren Ort mundartlich als »Ratzenpeter« (amtl. »Rácpetre«) angegeben hat, der mit »Ratz-Szent-Péter« im Banat verwechselt wurde.

»Vom Hochstift Würzburg ins Königreich Ungarn« (S. 51–58) ist der Titel des Beitrags von Emmerich Kretz, der über »Die Auswanderungspolitik der Fürstbischöfe von Würzburg« berichtet. Kretz nennt die Gründe (Bevölkerungsüberschuss, Realteilung, Steuerlast u. a.), die die Menschen zur Auswanderung getrieben haben. Die Bischöfe bemühten sich, durch das teilweise Verbot der Realteilung die Armut zu lindern und nur den vermögenlosen Untertanen die Auswanderung zu erlauben. Der Autor schildert im Weiteren ausführlich den Verlauf und die Ziele der Auswanderung. [...]

Josef Schwing



Die Geschichte der Doroger Deutschen

Gábor Gonda / Norbert Spannenberger (Hg.)
Minderheitenpolitik im "unsichtbaren Entscheidungszentrum"

Der »Nachlass László Fritz« und die Deutschen in Ungarn 1934-1945


Franz Steiner Verlag Stuttgart 2014.
(Schriftenreihe des Instituts für donauschwäbische
Geschichte und Landeskunde; 17).
ISBN 978-3-515-10377-0. 317 Seiten,
17 x 24 cm, gebunden. 62 €
Bezug: Buchhandel

Mit einer interessanten Quellenedition traten kürzlich die beiden Historiker Gábor Gonda und Dr. Norbert Spannenberger hervor. Und zwar handelt es sich um einen Aktenbestand aus dem evangelischen Landesarchiv in Budapest. Was auf den ersten Blick als privater Nachlass schien, offenbarte sich schnell als eine spannende Materialsammlung, da die Akten von einem Beamten in der Nationalitätenabteilung des Ungarischen Ministerpräsidiums zusammengetragen wurden. Dieser Ministerialrat Dr. László Fritz (Fejes) wurde 1889 in Rohnen (heute Costiui in Rumänien) geboren. Er studierte und promovierte in Klausenburg. Im neuen Königreich Rumänien wurde Fritz zum wichtigsten Experten für Minderheitenstatistiken in Siebenbürgen. Dies machte er ehrenamtlich. Er machte dies im Auftrag der Fachabteilung für Minderheiten, Recht und Geschichte der Ungarischen Landespartei. Sie war für ihn sowohl ein Mittel für die Minderheiten und gleichzeitig eines des gegen die Nationalitäten geführten Kampfes. Natürlich wurde man schnell in Budapest auf ihn aufmerksam. 1932 wechselte er in die ungarische Hauptstadt. Dort bekam er eine Stelle in der Abteilung II des Ministerpräsidiums. War Fritz vorher für die ungarische Minderheit in Rumänien tätig gewesen, konnte er in umgekehrter Rolle ab 1933 Minderheitenpolitik »von oben« betreiben (S. 33). 1945 magyarisierte Fritz seinen Namen in Fejes, um sich den neuen Machthabern anzudienen. Und hier wird der Band für die Ungarndeutschen wieder sehr spannend, denn Fritz bot der neuen Regierung seine Hilfe bei der »Liquidierung der Nationalitätenfrage« an und damit meinte er konkret die »Aussiedlung der Schwaben« (S. 44). Zumindest indirekt war er dann an der Vorbereitung der Vertreibung der Ungarndeutschen beteiligt. Allerdings schaffte es Fritz nicht, im Kommunismus weiter Karriere zu machen. 1951 wurde er selbst nach Hajdúhadház zwangsumgesiedelt. Sein Pensionsanspruch wurde gestrichen. 1967 starb er in Kondoros.

Die Autoren betten die Biographie des Beamten in seiner Frühzeit in die Minderheitenstruktur Siebenbürgens ein, für die spätere Zeit in die revisionistische Politik des ungarischen Ministerpräsidenten Gyula Gömbös. Dazu beobachten sie auch die Rolle des Ministerpräsidiums unter den wechselnden Ministerpräsidenten und der entsprechend wechselnden Minderheitenpolitik und analysieren überhaupt Aufgabenstruktur und Personal des Amts. Hier liegt auch schon eine wichtige Rolle der Publikation von Spannenberger und Gonda, nämlich die detaillierte Untersuchung der Verwaltungsstruktur in den 1930er Jahren. Dazu müsste die Neuerscheinung die erste deutschsprachige Publikation überhaupt sein. Spannenberger und Gonda treten aber auch mit dem Ansatz heran, Politik auf der Ebene der Beamtenschaft zu untersuchen. Es geht also nicht nur um die üblicherweise betrachtete oberste politische Ebene, sondern um den Bereich darunter. Wie wurde die offizielle Politik umgesetzt und welche eigenen Entscheidungen konnte ein Beamter treffen. Dazu bot das Material aus dem Nachlass Fritz eine hervorragende Grundlage. Für die ungarische Historiographie ist dieser Ansatz neu. Insofern hat die Publikation auch eine beispielhafte Rolle für die ungarische Geschichtsschreibung. [...]

Klaus J. Loderer



Die Geschichte der Doroger Deutschen

Melinda Kolonics, Ferenc Puchner
Die Geschichte der Doroger Deutschen

A= A dorogi németek története. Dorogi Német
Nemzetiségi Önkormányzat. Dorog 2014.
Text deutsch und ungarisch.
ISBN 978–963–08–9930–7. 72 Seiten, zahlreiche Illustrationen.
Bezug: Freundeskreis Dorog-Wendlingen am Neckar e. V.,
Alexander Lencses, Tel. 07024/53746,
E-Mail: alexander.lencses-sen@t-online.de

Melinda Kolonics und Ferenc Puchner haben ein schönes kleines Bändchen zur Geschichte der Deutschen in Dorog vorgelegt. Dorog liegt nordwestlich von Budapest nahe bei der Kathedralstadt Gran (Esztergom). Durch den Bergbau unterschied sich Dorog von anderen, nur landwirtschaftlich geprägten, ungarndeutschen Gemeinden. Einleitend geben die Autoren einen Überblick zur Geschichte von Dorog.

Kurz nach der Befreiung Ofens von den Türken trafen schon 1696 die ersten zwölf deutschen Familien in der zerstörten Ortschaft ein. 1701 entstand eine hölzerne Kirche. Weitere deutsche Siedler kamen nach 1714. 1730 wurde dann eine Kirche aus Stein errichtet. Die heutige Kirche wurde 1775 geweiht. Seit 1781 wird in Dorog Kohle abgebaut. Mit der Industrialisierung kamen Ende des 19. Jahrhunderts auch zahlreiche Ungarn und Slowaken als Arbeiter ins Dorf. Ausführlich geht der Band auf die sog. Treuebewegung ein. Der Brief vom 14. Juni 1944 bildete die Inspiration für das 1993 errichtete Treuebekenntnis- Denkmal. Im Dezember 1944 flohen einige deutsche Familien nach Österreich und gelangten so nach Deutschland. Im August 1947 wurde die Vertreibung auch in Dorog durchgeführt. Diese Familien wurden vom Bahnhof Szob in die sowjetische Besatzungszone transportiert.

Der zweite Teil des Bands ist den Kontakten zwischen Dorog und Wendlingen am Neckar gewidmet. Hier sind die Partnerschaft und der aktive Freundeskreis Dorog-Wendlingen zu nennen. Auch die deutsche Minderheitenselbstverwaltung und ihre zahlreichen Veranstaltungen und Programme werden vorgestellt.

Ein eigenes Kapitel ist dem 2001 eröffneten Heimatmuseum gewidmet. Und dann gibt es am Schluss des Buchs noch ein paar alte Rezepte. Man erfährt wie man Tulikrapfe, Pfannenrinne, sauri Wurst und Schneebälle macht.

Klaus J. Loderer



Blumenfresser

László Darvasi
Blumenfresser

Roman

Aus dem Ungarischen von Heinrich Eisterer.
Suhrkamp Verlag Berlin 2013.
ISBN 978-3-518-42359-2. 860 Seiten
Originaltitel: Virágzabálók, 2009.
Bezug: Buchhandel
Preis: 28 €

11. März 1879: Der Theiß droht Hochwasser. Der deutsche Arzt Dr. Gustav Schütz steht im Wasser. Er ist alt und blind, schreit Unverständliches, prophezeit, dass der Fluss alles unter sich begraben werde. 1879 zerstörte tatsächlich ein katastrophales Hochwasser die Stadt. Von 6000 Häusern blieben nur 300 verschont.

In seinem Haus sind Imre Schön, der schrullige Botaniker und seine Frau Klara Pelsőczy in einem mit Blumen und Pflanzen vollgestopften Zimmer, eng umschlungen verhungert. Eigenhändig hatten sie vorher jede Tür, jedes Fenster zugenagelt. Mit eintausendundeinem bunten Nagel. Die Leute geben ihm, Schütz, die Schuld daran. Man schubst ihn hin und her, schlägt ihn, durchsucht sein Haus, verwüstet seine Wohnung. Das Haus des Arztes bedeckt ein dicker Blumenteppich, er kaut Blüten und erinnert sich an die letzten Jahrzehnte. Inzwischen deckt die Theiß mit Gebrüll und Wassermassen die Stadt zu. Aus dem Romanende: Zu diesem Zeitpunkt lebt keiner der Protagonisten mehr: Weder der Arzt, noch das Ehepaar Imre Schön und Klara, noch ihre Liebhaber. Die Verstorbenen retten die Lebenden – so ähnlich sagt es am Schluss Gustav Schütz. Hat er etwa seinen eigenen Tod geträumt? »Es gibt Geschichten, die in dem Augenblick enden, in dem sie begonnen werden, aber beginnen, sobald sie zu Ende gehen! – Man erschafft keine Legenden, um dann an ihnen zugrunde zu gehen!« Das könnte über dem ganzen Roman stehen: Die Legenden leben, und wenn eine zugrunde geht, wird eine andere auferstehen – auch das sagt Schütz etwas später. Der sterbende Alte hört die Stimmen von Klara und Imre. So ist es also gewesen? fragt er sich, beugt sich aus dem Fenster und hört die Musik des Grasmusikanten immer näher kommen.

Darvasis dicht gewebter farbiger und von Geschichten berstender 860-Seiten-Roman erzählt von den alten Problemen der Menschheit: Von Sehnsucht und Liebe, von Einsamkeit und Rache, von Verrat, Täuschung und Vergessen. In diesen Erzählungen überschlagen sich Historie, Geschichten, Geschichtchen, komische kleine Einschiebsel, skurrile und grausame Legenden und mythische Gestalten. Es ist die Zeit des Übergangs von der alten Welt zur neuen, als die Menschen noch mit mythischen Gestalten umgehen, ihr Auftauchen deuten konnten. Es ist die Zeit, als noch aus Wunden Blüten wachsen und sich das Besondere eines Menschen zeigt, wenn er, wie Klara, mit einem roten Fleck auf der Hand geboren wird.

Angesiedelt hat Darvasi diesen Roman in der Stadt Szeged am Zusammenfluss von Theiß und Marosch, als die Ungarn für ihre Unabhängigkeit kämpften, 1848/49. Sie führen aber auch bis nach Budapest und Wien. Enden lässt er die Träume der alten Zeit in der großen Katastrophe von 1879, im Hochwasser der Theiß. Ausgelöscht sind damit endgültig auch die mythisch-allegorischen Gestalten vom musizierenden Kosovaren Nero Koszta, der schon seit der Schlacht auf dem Amselfeld unterwegs ist um den nahen Tod anzuzeigen, ausgelöscht sind auch Wurzelmama, Blatt und Wurm, welche die Sterbenden in sich aufnehmen und ihnen den Tod leicht machen können. [...]

Gudrun Brzoska



Der erste Riss in der Mauer

Andreas Oplatka
Der erste Riss in der Mauer

September 1989 - Ungarn öffnet die Grenzen

Verlag: Paul Zsolnay, Wien, 2009
ISBN 978-3-552-05459-2. 304 Seiten
Bezug: Buchhandel.
Preis: 21,50 €

Viel ist in letzter Zeit davon die Rede, wie die Ungarn 1989 mutig den ersten Dominostein antippten, als sie medienwirksam am 27. Juli ein Stück Grenzzaun von den damaligen Außenministern Mock und Horn durchschneiden ließen – als sie für den 19. August ein Picknick an der Grenze zu Österreich planten, welches dann so völlig anders verlief, als es sich die Akteure gedacht hatten – und wie die ungarische Regierung am 10. Oktober die Grenzen ganz legal für ausreisewillige DDR-Bürger öffnete.

Aus diesem Anlass habe ich noch einmal gründlich Andreas Oplatkas informatives und hintergründiges Buch gelesen, welches immer noch aktuell ist: Schon im Sommer 1984, als der Autor auf der Heimreise von Moskau in die Schweiz über Ungarn fährt, nimmt er einen DDR-Bürger mit, der ihm erzählt, er habe genug vom Regime und vom Leben in der DDR und wolle in die Bundesrepublik. Es hatte sich bereits herumgesprochen, dass es an der ungarischen Grenze weder Tretminen noch Elektrodrähte gäbe und dass man von dort nach Österreich hinüber kommen könne.

Nach der blutigen Niederschlagung der Revolution und den grausamen Verfolgungen Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre, ließ Parteichef János Kádár die Zügel allmählich etwas lockerer. Abgesehen davon, dass über 30 Jahre lang nur von der »Konterrevolution«, gesprochen werden durfte, konnte die Bevölkerungsmehrheit nach und nach kleinere Freiheiten genießen. Allerdings kosteten die kleinen »Geschenke« etwas, und Ungarn befand sich bereits 1982 in einer schweren Finanzkrise. An ein Zurückschrauben der Vergünstigungen war nicht zu denken und so vertiefte sich dieses Finanzloch immer weiter, bis das Land 1989 das am meisten verschuldete Land im Ostblock war.

In seiner Dokumentation zeigt Oplatka die Vorgeschichte zur weit reichenden und folgenschweren Entscheidung auf, die Westgrenze zu Österreich zu öffnen. Zwei Beschlüsse brachten den Stein ins Rollen: Ende 1988, Anfang 1989 wurde in Budapest entschieden, die veralteten, zur Wiederherstellung viel zu teuren, Grenzbefestigungen abzutragen – und im August entschied sich die Regierung Miklós Németh, bereits ohne die Partei, Tausenden von DDR-Bürgern, die ihren »Urlaub« in Ungarn verbrachten, die Grenze zu öffnen.

Die DDR-Führung versuchte bis zum Schluss, dies mit allen Mitteln, auch mit Drohungen, zu verhindern. Doch sie erwies sich als zahnloser Tiger, da sich Russland unter Gorbatschow ganz und gar zurück hielt, nicht aktiv wurde, und Ungarn gewähren ließ. Dabei neigt der Autor zur Annahme, dass niemand, auch Gorbatschow nicht, überblickte, was die Grenzöffnung im Endeffekt für Folgen haben sollte. [...]

Gudrun Brzoska



Ungarn und Europa. Positionen und Digressionen

Heinrich Detering / Eva Karadi (Hg.)
Ungarn und Europa.
Positionen und Digressionen


Anthologie

Verlag: Wallstein, Göttingen, 2014
(Reihe: Valerio. Das Magazin der Deutschen Akademie
für Sprache und Dichtung; Bd. 16/2014).
ISBN 978-3-8353-1204-3.
Bezug: Buchhandel.
Preis: 10 €

Im Dezember 2012 veranstalteten der unabhängige Ungarische Schriftstellerverband, die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, gemeinsam mit dem Petőfi Literaturmuseum Budapest die »First Budapest Debate on Europe« (die inzwischen bereits fortgeführt wurde). Sie knüpfte an Diskussionen an, die im Mai 2012 während der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung unter dem Titel »Über die Verletzbarkeit von Sprache und Dichtung« geführt worden waren. «Bei den Anwesenden handelte es sich um Dichter, Schriftsteller und Literaturkritiker dreier Generationen. Die Teilnehmer kamen nicht nur aus Ungarn und Deutschland, sondern auch aus anderen Ländern Europas.« Aus diesen Diskussionsrunden stammen die Texte im Buch: »von Beginn an ging es nicht lediglich darum, die Situation in einem Land zu kritisieren … Sondern es ging darüber hinaus um Entwicklungen, die sich auf je unterschiedlich ausgeprägte, aber durchaus vergleichbare Weise wie in Ungarn so auch in anderen Gesellschaften Ost- und Mitteleuropas und notabene auch in westeuropäischen Ländern vollziehen. Es ging um die gleitenden Übergänge von patriotischen zu nationalistischen, von europakritischen zu fremdenfeindlichen, von demokratischen zu aggressiv ausschließenden populistischen Diskursen, um eine Wiederkehr rassistischer, antisemitischer, homophober Reden«. Der Band bietet keine vollständige Dokumentation, sondern unterschiedliche Beiträge über politische und private Erfahrungen in und mit Ungarn, europäische Hoffnungen und Enttäuschungen, Reden und Gespräche, poetische Texte und politische Stellungnahmen: Ungarn vor, während und nach der Wende.

János Háy rechnet mit bitter-sarkastischem Blick mit seinem Heimatland ab, schont auch den Westen nicht, der nach der Wende total versagt hat: Aus einem begonnenen Märchen wird ein Albtraum aus Armut und Lebenskampf. Die Grenzen bleiben, wo sie schon immer waren in Osteuropa. Und die Osteuropäer können nicht wirklich hinüber gelangen, weil die eigene Regierung nicht hilft, sondern sich nur auf der als großartig gedachten Vergangenheit ausruht. Der Westen war es aber, der den hemmungslosen Kapitalismus ohne Netz in den Osten gebracht hat. Die Regierenden halten die ideologische Polarisierung aufrecht, die tiefen Gräben sind in ihrem Sinn. Eine Art modernen Kastenwesens breitet sich immer mehr aus: die Elite, die leicht mit dem Westen Schritt halten kann – und diesen sogar überflügelt – und die unteren Schichten, die sich daraus nicht lösen können. »Wir schenken unseren Nachbarn keine Beachtung, wir betrachten sie nicht als unsere Schicksalsgenossen. Wir gehören zum märchenhaften Westen. Wir glauben, dass unsere Kultur höher steht als die ihre. Wir glauben, dass wir eine Große Nation sind und unsere Leistungen sich nur an denen anderer Großer Nationen messen lassen. Für eigenes Scheitern sucht man äußere Umstände verantwortlich zu machen. Also braucht es Feinde […] und wer anderes könnte das sein als der politische Gegner oder die internationalen Organisationen, die Ungarn unter Druck setzen. Das goldene Tor steht sperrangelweit offen. Wenn es dir hier nicht gefällt, kannst du ja ins Ausland abhauen. Die flexibelste Schicht des Landes ergreift die Flucht. Das Tor zum märchenhaften Abendland hat sich geöffnet, und für einen Augenblick glaubten wir, ins Licht getreten zu sein. Wir glaubten, wir bekämen es umsonst oder geschenkt, schließlich stünde es uns zu. Nicht das moderne und zeitgemäße Denken hat unsere Grenzen überschritten, sondern das bunte Blendwerk des westlichen Marktes, die Reklamen, die grellen Privatsender.« [...]

Gudrun Brzoska



Sühne. Texte unterwegs

László Végel
Sühne. Texte unterwegs

Essays

Aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer.
Verlag: Matthes & Seitz, Berlin, 2012.
ISBN 978-3-88221-599-1. 188 Seiten
Originaltitel: die ungarische Ausgabe ist in Vorbereitung.
Bezug: Buchhandel.
Preis: 17,90 €

Immer wieder zieht es den Schriftsteller der ungarischen Minderheit aus der Vojvodina in Serbien nach Berlin. Seit seiner Kindheit versucht er, das Wesen der nicht mehr vorhandenen Deutschen in seiner Heimat zu ergründen; zunächst voll Abscheu gegenüber diesen »Teufeln«, die, wie es in den Schulbüchern steht, zu Recht von den Partisanen niedergemacht und aus ihren Häusern vertrieben worden waren. Später fragt er sich nachdenklich, was denn das Geheimnis der Deutschen ausmache und erinnert sich an eine Begebenheit, die er in seiner Kindheit gehört hatte: Wie ein deutscher Oberst, der Hitler zwar verabscheute, trotzdem loyal war. Er wollte sich nicht als Geisel der Partisanen benutzen lassen und stürzte sich selbstmörderisch in eine Schlucht. Eine Frage der Ehre und eine der Fragen, die sich Végel seit damals stellt, wenn er das Wesen der Deutschen ergründen will: Was ist ihre Ehre? Begierig nahm er alles auf, was von Deutschland erzählt wurde: Von den heimkehrenden Gastarbeitern in den 60er Jahren, die Wunderdinge berichteten, aber keinerlei Umgang mit den Deutschen hatten; das Feindbild existierte auf beiden Seiten: Hier die Bestien, welche von den Partisanen in der Heimat vernichtet worden waren – dort die Kommunisten, vor denen man sich in Acht nehmen musste, da sie die ganze Welt mit ihrer Ideologie einnehmen wollten. »Alle kritisierten die Deutschen und machten ihnen doch alles nach. Wenn von ihnen die Rede war, rümpften auch die Gastarbeiter die Nase und murmelten vor sich hin, allenfalls gaben sie manchmal unwillig zu, dass sie den Deutschen bei der Arbeit zwar begegneten, sie auf der Straße, auch in den Kaufhäusern sahen, sich aber nicht mit ihnen anfreundeten«.

Gern wäre der junge Végel auch einmal ausgereist, um alles mit eigenen Augen zu sehen, doch das blieb ihm als Mitglied der ungarischen Minderheit verwehrt. Erst spät konnte er reisen. Vier der fünf Essays des schmalen Bändchens sind lose mit seinen Berlinbesuchen verbunden. Es sind »Texte unterwegs« – ein Reise-, Fahrten und Erinnerungsbuch. 1986 war er zum ersten Mal in West-Berlin und stand fassungslos vor der Mauer. Dort erinnerte sich der Wanderer durch die Stadt an seine Kindheit, sein Verhältnis zum Jugoslawischen Staat, an seine kindliche und jugendliche Begeisterung für Tito, dessen System ihm, dem Kind aus bescheidenen Verhältnissen, einen guten Schulbesuch und ein Studium ermöglicht hatte.

Doch meist grübelt er darüber nach, wie es denn sein kann, dass die Menschen in seinem Heimatland noch immer so starrsinnig an ihrer Heldenverehrung fest halten, ihre Erinnerung einerseits so rückwärts gewandt ist und sie sich gleichzeitig so wenig nach der Vergangenheit und der realen Geschichte ihres Landes fragen. Niemals seien sie bereit ihre Geschichte aufzuarbeiten, ihre Toten zu begraben und ihrer zu gedenken; die werden totgeschwiegen. Das gilt nicht nur für Ex-Jugoslawien, bzw. Serbien, das gilt auch für die anderen ostmitteleuropäischen Länder. Aber an seiner Heimat Serbien-Vojvodina macht Végel diese Beobachtungen fest. [...]

Gudrun Brzoska



Archivführer

Ágnes Tóth
Archivführer

Zur ungarndeutschen Geschichte in den Komitatsarchiven Ungarns 1670–1950

Ágnes Tóth, Erzsébeth Apró (Redaktion)
Oldenbourg Verlag München 2013.
(Schriften des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa; 44).
ISBN 978-3-486-71207-8. 1094 Seiten
Bezug: Buchhandel.
Preis: 98,00 €

Das Buch richtet sich nicht nur an Historiker und andere Wissenschaftler sondern auch ganz besonders an Heimat- und Familienforscher, die in ihren Herkunftsorten mehr als nur die Kirchenbücher studieren wollen. Dazu geben die Autoren sehr nützliche Hinweise auf die Akten zur Geschichte der Ungarndeutschen: Konskriptionen, Volkszählungen, Musterungslisten, Grundbücher, Katasterkarten, Gemeinde- und Gerichtsakten, Namensänderungen, Mitgliederlisten des Volksbundes, Vermögensinventare, »Verifikationsprotokolle« zur Prüfung der Vaterlandstreue, Arbeitsdienst, Internierung, Vertreibung (»Zwangsaussiedlung« ist der offizielle Ausdruck in Ungarn), Diskriminierung und Enteignung. Die Katasterakten und Grundbücher waren wichtige Unterlagen für die Entschädigungsanträge in den 1990er Jahren.

Von den 19 Komitaten und 24 Komitatsstädten des heutigen Ungarns sind folgende Archive aufgeführt: Hauptstadt Budapest (BFL), Bács-Kiskún in Kecskemét (BKMÖL), Baranya in Pécs (BaML), Békés in Gyula (BeML), Fejér in Székesfehérvár (FML), Győr-Moson-Sopron in Győr (GYMSM GYL) und Sopron (GYMSM SL), Komárom-Esztergom in Esztergom (KEMÖL), Pest in Budapest (PML), Somogy in Kaposvár (SML), Tolna in Szekszárd (TMÖL), Vas in Szombathely (VaML), Veszprém in Veszprém (VeML), Komitatsstädte Győr (GYVL) und Székesfehérvár (SZVL). Maßstab für diese Auswahl war die Volkszählung von 1941, bei der sich mindesten 2 % zur deutschen Muttersprache im damaligen Komitat bekannt haben. Als Ausnahme wurde auch die Hauptstadt Budapest mit weniger als 2 % Deutschsprachigen aufgenommen. Die Gliederung der Archivbestände folgt einem generellen Schema, das sich auch in den meisten Archivinventaren Ungarns wiederfindet. Unterschieden werden die »feudale« und »bürgerlich/kapitalistische « Zeiten bis 1945 und die »sozialistische« Zeit bis 1950 – so waren auch die alten Archivverzeichnisse vor 1980 unterteilt. Die wenigsten Archive besitzen ältere Urkunden aus der Zeit vor 1670. Während der türkischen Besatzung und den nachfolgenden Kriegen wurden die meisten Urkunden vernichtet. Die ältesten Bestände sind offensichtlich in den Komitatsarchiven in Szekszárd und Esztergom zu finden, wo 200 bzw. 224 Urkunden aus der Zeit vor der Schlacht von Mohács (1526) aufbewahrt werden. Die älteste Urkunde im Komitatsarchiv Tolna stammt aus dem Jahre 1238. Im Stadtarchiv von Sopron wurden fast 5000 mittelalterliche Urkunden ab 1162 in einem Urkundenbuch registriert.

Dieses umfangreiche Werk ist die deutsche Übersetzung des 2010 vom Institut für Minderheiten-Studien an der Ungarische Akademie der Wissenschaften erarbeiteten Werkes »A magyarországi németek történetének levéltári forrásai 1670–1950«. Diese Publikation ist im Internet auf der Seite www.mtaki.hu/A-magyarorszagi-nemetek-tortenetenek-leveltari-forrasai-16701950/4/54/2 frei zugänglich. Ohne Kenntnisse der ungarischen Sprache kann man kaum damit auf eine erfolgreiche Forschungsreise gehen. Das gilt auch für das Studium der aktuellen Archivverzeichnisse. Ein Blick in beide Buchausgaben erleichtert jedoch den Besuch in den Komitatsarchiven. Nicht immer trifft man dort direkt auf einen Mitarbeiter mit guten Deutschkenntnissen. Einige Aktengruppen zu nichtstaatlichem Material (Vereine, Zünfte, Körperschaften, Familien- und Privatarchive, Karten, Baupläne usw.) sind nur in der ungarischen Ausgabe zu recherchieren.

Günter Junkers



Barock im Banat

Rodica Vârtaciu-Medelet
Barock im Banat

Eine europäische Kulturlandschaft

Übersetzung aus dem Rumänischen
von Stefan Melwisch und Simina Melwisch-Biraescu.
Schnell & Steiner Verlag Regensburg 2012.
ISBN 978-3-7954-2607-1. 430 S., zahlr. Ill.
Bezug: Buchhandel
Preis: 49,95 €

Das Banat als eine besondere Kulturlandschaft stellt die nun übersetzte Studie der rumänischen Kunsthistorikerin Rodica Vârtaciu-Medelet vor. Die Autorin konnte sich als Kustodin des Banater Museums intensiv mit dessen Barocksammlung befassen und lehrt heute Kunstgeschichte an der Universität Temeswar. Die vorliegende Studie ist eine Übersicht zur barocken Kunst im Banat, die eine schöne Übersicht zu Architektur, Plastik und Malerei des 18. Jahrhunderts in dieser besonderen Region bietet, die sich als eigenständige Kunstlandschaft bis heute stark vom restlichen Rumänien unterscheidet.

Nach dem Sieg des Prinzen Eugen über die osmanischen Truppen 1716 ist es vor allem die barocke Kunst, die bis heute ein wichtiges Element der Stadt Temeswar und des Banats darstellen. Es sind die Neuvermessung des Landes und die Neuplanung der Dörfer und Städte, die die Region bis heute prägen. Diese Neuplanung unter der Ägide des Gouverneurs Graf Claudius Florimund Mercy d’Argenteau konnte auch durchgeführt werden, weil das Banat nach der Rückeroberung direkt der kaiserlichen Krone unterstellt wurde und so dem Einfluss des ungarischen Adels entzogen war. Denn im Mittelalter hatte das Banat natürlich zum Königreich Ungarn gehört. Nun leitete Mercy einen umfangreichen Modernisierungsprozess dieser neuen Grenzregion der habsburgischen Erblande ein.

Neben der Trockenlegung der Sümpfe und der Anlage einer neuen Infrastruktur im Banat bedeutete diese Modernisierung für Temeswar den Ausbau zum Zentrum der Region. Dies ist bis heute deutlich erkennbar am Domplatz, an dem sich die beiden Kathedralen gegenüber stehen. Markant ist der katholische Dom als neues religiöses Zentrum und Symbol für das Kaiserhaus (nach der Verlegung des Bischofssitzes aus Csanád nach Temeswar). Gegenüber steht die orthodoxe Kathedrale, die heute als serbische Kathedrale bezeichnet wird. Mit den sog. illyrischen Privilegien hatte Kaiser Leopold I. den serbischen Truppen für die Unterstützung gegen die Osmanen gedankt. So ist die privilegierte Stellung der serbischen Kirche zu verstehen – da Bischof und Priester üblicherweise Serben waren, wurden allerdings die rumänisch-orthodoxen Gläubigen sprachlich in den Hintergrund gedrängt. Beide barocke Kathedralen, dazu das ebenfalls barocke Komitatspalais, prägen bis heute den Domplatz von Temeswar. Zur alten Stadtansicht sind die abgebildeten Aquarelle von Anton Fiala sehr interessant. [...]

Klaus J. Loderer



Der Rasen

Ludwig Fischer
Der Rasen

Kleinroman

Verlag Books on Demand.
ISBN 978-3-8482-5971-7.
173 S.
Preis: 11,90 €
Bezug: Buchhandel
www.bod.de

Der 2012 verstorbene ehemalige Lehrer Ludwig Fischer wurde vor allem durch seine in der Neuen Zeitung veröffentlichten literarischen Werke bekannt. Ungarn war aber nicht seine Heimat. Geboren wurde er 1929 in der jugoslawischen Hälfte der Baranya. Als Deutscher wurde er von den Partisanen bei Kriegsende interniert. Doch gelang ihm die Flucht nach Ungarn. Dort studierte er dann und wirkte bis zu seiner Pensionierung als Lehrer. Dann hatte er Zeit zu schreiben. Das tat er ausführlich, wie die in vielen Fortsetzungen in der Neuen Zeitung erschienenen Romane zeigen. Zwei eigenständige Bände entstanden. Viele Geschichten veröffentlichte er in Anthologien.

Nun arbeitet er im Roman »Der Rasen« die Schlussphase des Zweiten Weltkriegs und die Internierung der Donauschwaben in Jugoslawien auf. Die Hauptfigur Ludwig Wagner kehrt nach mehr als fünfzig Jahren aus Deutschland in sein Heimatdorf in Jugoslawien zurück und erinnert sich. Was sich hinter dem Titel verbirgt, erfährt der Leser schon bald. Der Rasen war der Festplatz des Orts, auf dem am Tag des heiligen Kajetan mit einem Rummel die Kirchweih gefeiert wurde. Das erfährt der Leser als Erklärung für das, wozu der Rasen üblicherweise genutzt wurde – also ein Ort glücklicher Erinnerungen. Doch barg der Rasen auch eine schreckliche Erinnerung. Auf dem Rasen mussten sich am 24. März 1945 die deutschstämmigen Einwohner melden. Der 15-jährige Ludwig Wagner bemerkt die veränderte Stimmung in der Familie, kann sie aber nicht deuten. Und nun versammelten sich die Deutschen dort mit ihren notdürftig bepackten Rucksäcken, wurden von einem Partisanenkommandanten beschimpft. Und da wagt es eine Frau, die Glocken zu läuten und das »Vaterunser« anzustimmen. Der alte Ludwig Wagner erinnert sich daran, wie mit einem Maschinengewehr die Stimme zum Verstummen gebracht wurde. Der kleine Ludwig Wagner musste sich fünfzig Jahre zuvor mit Mutter, Großmutter und Großvater aufmachen. Doch schon in der nächsten Kleinstadt wurde er von der Familie getrennt. Nie sollte er sie wiedersehen.

Der Junge erlebt die Schikanen durch die Partisanen. Er erlebt das Sterben im Lager. Er erlebt, wie Menschen massakriert werden. Ein alter Mann hilft ihm. Doch dieser wird bei einem Marsch in ein anderes Lager ermordet. Schließlich wagt er die Flucht. Eine ungarische Familie nahe der Grenze hilft ihm bei der Flucht über die Grenze. Fünfzig Jahre später kehrt er erstmals in sein Heimatdorf zurück und ist erstaunt, dass er sogar noch kroatisch kann. [...]

Klaus J. Loderer



Ein Bild von einem Mann – gespielt von einer Frau

Susanne de Ponteh
Ein Bild von einem Mann – gespielt von einer Frau

Die wechselvolle Geschichte der Hosenrolle auf dem Theater

Unter Mitarbeit von Veronika Wagner und Anastasia Fischer.
Hrsg. vom Deutschen Theatermuseum München.
Edition Text + Kritik im Richard-Boorberg-Verlag München 2013.
(Kataloge zum Bestand des Deutschen Theatermuseums; 2).
ISBN 978-3-86916-271-3.
313 S. 297. Ill. + 1 CD-Beil.
Preis: 39,00 €
Bezug: Buchhandel

Beim Thema Hosenrolle in der Oper denkt man natürlich sofort an Cherubini in Mozarts »Figaros Hochzeit« oder an Octavian in »Der Rosenkavalier« von Richard Strauss. Im Musical sind immerhin Verkleidungen in beide Richtung bekannt, so in »La cage aux folles« der Travestiekünstler Albin oder in »Victor/Victoria« die Sängerin Victoria, die sich als Mann verkleidet, der als Damenimitator auftritt. Beim Schauspiel würde wahrscheinlich heute eher umgekehrt die Travestie vom Mann zur Frau einfallen, man denke nur an »Charleys Tante«. Vermutlich würde man den Gedanken als abwegig betrachten, dass man im Schauspiel eine Männerrolle mit einer Frau besetzen würde, doch gerade das kam und kommt häufiger vor als man denkt. Man denke nur an die famose Marianne Hoppe als König Lear. Und Hamlet war eine der Paraderolle von Sarah Bernhardt, die berühmt war für ihre Männerrollen. Bei Hamlet wollte man mit der romantischen Sichtweise einer femininen Männlichkeit Feinsinnigkeit, Gefühlsbetontheit oder Unentschlossenheit hervorheben, so Susanne de Ponte in ihrer kürzlich erschienenen Studie zur Hosenrolle im Theater.

Der Name de Ponte ist unseren Lesern natürlich geläufig durch den Künstler Josef de Ponte, der durch seine Zeichnungen seit Beginn »Unsere Post« mit geprägt hat. Seine Tochter, die Kunsthistorikerin Dr. Susanne de Ponte, ist am Deutschen Theatermuseum in München tätig und dort speziell für die Sammlungsbestände Grafik, Modelle, Gemälde und Skulptur zuständig. Der Anlass für die vorliegende Publikation war denn auch die Auswertung der Sammlungsbestände auf das Thema Hosenrolle. Dazu hat das Deutsche Theatermuseum in München umfangreiche Bestände, die man aber natürlich erst einmal für dieses Thema erschließen muss. Obwohl man das Thema auf den ersten Blick vielleicht als etwas exotisch betrachten würde, ist die Literaturliste dazu doch gar nicht so kurz, wie selbst ein flüchtiger Blick auf das umfangreiche Literaturverzeichnis am Ende zeigt. Doch ist es das Verdienst Susanne de Pontes die bisher wohl umfangreichste und auch differenzierteste Darstellung zum Thema erarbeitet zu haben. Sie gibt in ihrer Studie immerhin einen Überblick von der Antike bis heute und untersucht dazu auch alle Gattungen des Theaters sehr genau.

Susanne de Ponte hat nun nicht einfach alle Hosenrollen aufgezählt, sondern es geht ihr auch um die Rolle der Frau im Theaterspiel. Die Hosenrolle spielt »mit scheinbar festgesetzten Kategorien des Geschlechts«. Sie kann einen Mann präzise nachahmen, sie kann männliche Typologien aber auch ironisch übersteigern. [...]

Klaus J. Loderer



Beiträge zur Volkskunde der Ungarndeutschen

Beiträge zur Volkskunde der Ungarndeutschen

= A magyarországi németek néprajza

28.2013. Hrsg. von Karl Manherz.
Gemeinsame Publikation des Germanistischen Instituts der ELTE und der ungarischen ethnographischen Gesellschaft. (Volkskunde der ungarländischen Nationalitäten).
ISSN 0324-3001, ISSN 0230-2225.
267 S., zahlr. Ill.
Bezug: www.neprajz.hu

Sieben volkskundliche und germanistische Studien sind in dem neuen Band der vom Germanistischen Institut der Loránt-Eötvös-Universität Budapest herausgegebenen »Beiträge zur Volkskunde der Ungarndeutschen« vereinigt. Der Bogen spannt sich dabei von Heilpflanzen bis zu Dialektfragen.

In Hajosch (Hajós) hat Maria Schön Heilpflanzen und den damit verbundenen Volksglauben zur Volksheilkunde untersucht. Entsprechend der schwäbischen Herkunft der Hajoscher werden Heilpflanzen dort als Kräutle bezeichnet. Dann breitet Maria Schön ein alphabetisches Lexikon der in Hajosch gebräuchlichen Heilpflanzen und der dazu gehörenden Bräuche aus. Man Dinge wurden auch vom Pfarrer geweiht, um die Wirkung zu verstärken. So sollte der am 6. Januar geweihte und getrunkene Wein über das Jahr vor Krankheiten schützen. Die geweihten Knoblauchzehen, die man unter die Schwelle des Stalls legte, sollten vor Hexen schützen. Markant ist der geweihte Strauß, der aus Feldblumen zusammengestellt und mit einem Krautblatt umwickelt wurde.

Für die westlich von Budapest gelegene Gemeinde Wurdersch (Budaörs) sind die steinigen Hügel markant. Auf einem nahe dem Steinberg gelegenen kegelförmigen Hügel wurde im 18. Jahrhundert ein Kalvarienberg errichtet. Gábor Bonyai untersucht den Wuderscher Kalvarienberg und stellt ihn in Bezug zu anderen Kalvarienbergen Ungarns. Gestiftet wurde der barocke Kern der Anlage mit einem Steinkreuz und zwei Statuen von Gräfin Elisabeth Zichy. Die erste Beschreibung findet sich in einem Visitationsprotokoll von 1783. Bereits 1769 ist der Kalvarienberg in einer Karte eingetragen. 1817 stiftete Jakob Kreisz die Kapelle am Fuß des Hügels. Die einzelnen Stationen wurden im Laufe des 19. Jahrhunderts errichtet. In der kommunistischen Zeit verwitterten die Stationen, die Ruine der Kapelle wurde erst kurz vor der Wende abgetragen. Nach der Wende machte sich die deutsche Selbstverwaltung an den Wiederaufbau: 1998 wurden die Stationen errichtet, 2002 die Kapelle und 2011 kamen neue Skulpturen auf den Gipfel. Eine Besonderheit des Wuderscher Kalvarienbergs war der Brauch, die Stationen in der Karwoche mit Laternen zu beleuchten.

Die Gemeinde Bogdan (Dunabogdány) ist berühmt für ihre Steinbrüche. Entsprechend entwickelte sich auch im Ort selbst eine hochwertige Steinbearbeitung. Die Steinmetze von Bodgan waren auch in der Umgebung gefragt. Ágnes Loszmann konzentriert sich in ihrer Studie auf historische Steintore. Markant sind in Bogdan die mit Stein gerahmten kleinen Tore, die oft mit einem geschwungenen Sturz, Initialen und Jahreszahlen verziert sind. Sie dienten für die Fußgänger. Daneben befand sich das große Tor für die Fuhrwerke, das auf beiden Seiten mit einem steinernen Pfosten betont war. Die noch erhaltenen Tore stammen aus der Zeit zwischen 1825 und 1911. Vor vielen Häusern findet man auch steinerne Bänke. [...]

Klaus J. Loderer



Ein Mädchen zwischen zwei Welten

Júlia Lángh
Ein Mädchen zwischen zwei Welten

Autobiografie

Aus dem Ungarischen von Éva Zádor.
Nischen Verlag, Wien, 2013.
ISBN: 978-3-9503345-3-1.
Originaltitel: Egy budai úrilány, 2003.
Preis: 24,80 €
Bezug: Buchhandel

Der autobiografische Roman erzählt vom Mädchen Júlia, geboren 1942, während des 2. Weltkrieges. Sie stammt aus einer gutbürgerlichen Familie, der Vater war vor dem Krieg für die Kohlebergwerke zuständig und wegen seiner Wichtigkeit vom Militäreinsatz befreit.

Die Familie ist eine typisch ungarische Familie, eingewandert aus verschiedenen Ländern, die meisten fühlen sich als echte Ungarn. Die Großmutter väterlicherseits stammt aus Österreich und wird durch Heirat Ungarin. Sie muss eine starke Persönlichkeit gewesen sein, welche die Familie ihres Sohnes dominierte und sich Zeit Lebens weigerte, ungarisch zu sprechen.

Die Großmutter mütterlicherseits heiratete einen feschen polnischen Grafen, dessen Urgroßvater nach Ungarn geflohen war, als der Aufstand des polnischen Adels 1963 niedergeschlagen war. Zu Júlias Kinder- und Jugendzeit ist sie die eigentliche Chefin der Familie. Sie versucht durch Totschweigen die Situation, in welche die Familie als »Klassenfeind« hineingeraten ist, zu ignorieren: Nachrichten werden nicht gehört, Zeitungen nicht gelesen. Offenbar weiß aber die Familie, wie sie von den Medien belogen wird.

Doch das Kind hinterblickt diese Abwehr nicht. Schon jetzt kann das kleine Mädchen es kaum erwarten, erwachsen zu werden und für voll genommen zu werden, damit man ihm die Wahrheit sagt. Unterdessen macht sich Angst breit, bei jedem Klingeln schreckt man zusammen – es sind schon so viele abgeholt worden; jenseits der Wohnung lauert die feindliche Welt.

Der Vater der Autorin war ein Träumer, ängstlich und herzkrank. Die ihm übertragenen Aufgaben erfüllt er so korrekt, dass ihn der junge kommunistische Staat nach einer halbjährlichen Absetzung wieder zurück rufen muss. Allerdings traut man dem Klassenfeind nicht; seine Arbeit in der Fabrik begleiteten ständig bewaffnete Männer. Die Autorin erzählt aus der naiven Sicht des Kindes, das gar nicht versteht – und von den Erwachsenen hin- und herdirigiert wird – fügt aber als wissende Erzählerin immer wieder Kommentare ein. Vieles kann die 1942 Geborene nur aus den Erzählungen der Älteren wissen, denen sie aber misstraut. Das Kind Júlia scheint sich schon früh als »Außenseiterin« gesehen zu haben – ganz im Gegenteil zu ihrer »braven« älteren Schwester – und sie pflegt dieses Bewusstsein auch. Ja, sie rebelliert so eifrig gegen die Erwachsenenwelt, dass sie gar nicht sieht – oder nicht sehen will, was eigentlich um sie herum vorgeht. Es ist ein naives pubertäres Rebellieren, vor allem gegen die Großmutter.
Júlia will leben, »jetzt«! Dabei träumt sie von großen Reisen und der »Eroberung« der Welt. Ihre Großmutter, die den alten guten Zeiten hinterhertrauert, kann sie nicht verstehen. Das Mädchen hört zwar, was die Familie besessen und was man ihr abgenommen hat, findet aber, dass es »Recht« war, den Besitzenden etwas weg zu nehmen. [...]

Gudrun Brzoska



Terka

Kató Kiss und Regina Rinaku
Terka

Gelöbnis eines ungarischen Mädchens – Entwicklungsroman

Verlag August von Goethe Literaturverlag,
Frankfurt a. M., 2013.
ISBN: 978-3-8372-1279-2.
28,80 €
Bezug: Buchhandel.

In diesem Frühherbst hatten wir mal wieder Südostungarn bereist und uns vieles angesehen. Darunter auch das Schloss Wenckheim, welches gerade renoviert wird. Nach unserer Rückkehr lagen eine ganze Menge diesjähriger Neuerscheinungen zum Lesen bereit; eines der Bücher zog meine Aufmerksamkeit auf sich, war auf dem Titelbild doch das Kástely Wenckheim abgebildet.

Es erzählt die Geschichte der Kató Kiss, eines einfachen Landmädchens, genannt Terka, dessen Familie zu den Landarbeitern des Schlosses und Gutes Wenckheim gehörte. Leider wird im Buch die Vorgeschichte überhaupt nicht erwähnt, weshalb manches für den Leser einigermaßen befremdlich ist, vor allem der literarische Stil. Ich möchte daher alles, was ich dazu recherchieren konnte, vorausschicken. Dazu gehörte auch die Mitschrift eines auf »Schwyzerdütsch« geführtes Interview.

Kató Kiss, im Buch die literarische Figur Terka, wanderte als junges Mädchen nach dem 1. Weltkrieg aus Ungarn in die Schweiz aus. Dort gelang es ihr, in Zürich ein Haute- Couture-Atelier zu eröffnen. Mit etwa 80 Jahren übergab sie ihrer Enkelin Regina Rinaku einen ganzen Karton voller Blätter mit dem Auftrag, viel zu lernen – und wenn sie, die Enkelin »groß« sei, den Bericht zu revidieren und zu publizieren. Es handelte sich um 440 maschinengeschriebene Seiten – mit vielen handschriftlichen Notizen. Regina Rinaku unterzog das Buch, denn darum handelte es sich bereits, sieben Revisionen und unternahm einige Recherche- Reisen nach Ungarn. Bereits zuvor hatte sie sich mit der Geschichte Ungarns durch vielerlei Lektüre vertraut gemacht.

Was wir hier lesen, ist also der Text der Großmutter mütterlicherseits, sachte ergänzt und »verbessert« von der Enkelin. Hier spricht ein junges Mädchen, ein Teenager, der die Welt kennen lernen will, sich und die Seinen ungerecht behandelt fühlt – und vor allem aus übervollem Herzen die Welt, namentlich ihre ungarische Welt, verbessern will.

Im Prolog lässt Terka den jungen Frühling im Jahr 1907 so richtig ausgelassen Feste feiern, doch seine Freude ist nicht die Freude der armen Gesindekinder: Eine Erkältungswelle mit einer Diphtherie-Epidemie ist die Folge. Viele Kinder sterben. Schuld daran sind auch Unterernährung und ungesunde Behausungen. Immer zwei Familien müssen sich ein Zimmer teilen; vier Familien eine Küche. Sie können weder richtig heizen, noch richtig lüften. Die gräfliche Familie im Schloss verfügt dagegen über mehr Zimmer als sie nutzen kann. Und im Gegensatz zu den Kindern der Armen, werden deren Kinder sehr schnell der tödlichen Gefahr entzogen. Terka erlebt das als zwölfjähriges Mädchen mit. Immer wieder kommt die Erzählerin später auf dieses Thema zurück: auf die Armut, die Unterernährung, die schlechten Wohnverhältnisse. Für die Gesindekinder wird die Schule geschlossen. Stattdessen »dürfen« sie im gräflichen Park unter der harten Hand und den wüsten Beschimpfungen von Aufseher und Verwalter Laub zusammenrechen. Terka ist froh, als sie die Schule wieder besuchen darf. Sie möchte lernen. Allerdings werden es dann nur noch drei Wochen bis zum Schulschluss sein. Dann sind die Kinder »erwachsen« und müssen sich einen Beruf suchen. [...]

Gudrun Brzoska



Arcképek két tragikus kor árnyékábansti

Mester Miklós
Arcképek két tragikus kor árnyékábansti

[Profile im Schatten zweier tragischer Epochen].
Budapest Verlag Tarsoly 2012. 815 Seiten.
ISBN 978–963957040–5.
6500 Ft.
Bezug: ungarischer Buchhandel

Miklós Mester gehört zu den wenigen reflektierten Persönlichkeiten der ungarischen Geschichte, zugleich aber zu den interessantesten. Er ist am 8. März 1906 im Szeklerland geboren als Sohn einer kalvinistisch-reformierten Familie. Nachdem seine Heimat infolge des Vertrags von Trianon Groß-Rumänien angeschlossen worden war, ging er nach Budapest, wo er Geschichte studierte. Seine Dissertation verfasste er über die Autonomie Siebenbürgens im 19. Jahrhundert. Sein Lebensweg drückte ihm den Stempel seines wissenschaftlichen Interesses auf: die Nationalitätenfrage im Donauraum. 1939 wurde er ins ungarische Parlament gewählt, sein Wahlkreis Ráckeve war noch immer von vier Nationalitäten bewohnt. Mit Unterstützung der kalvinistisch-reformierten Kirche wurde er 1944 zum Staatssekretär im Kultus- und Unterrichtsministerium ernannt. Hier schaltete er sich in Rettung von – oft namhaften – jüdischen Mitbürgern ein. Mit der Machtergreifung der Pfeilkreuzler am 15. Oktober 1944 geriet auch sein leben in Gefahr, doch er konnte noch rechtzeitig in die Berge von Pilis flüchten. 1945 wurde er zum Kriegsverbrecher erklärt, wegen der nachgewiesenen Rettungsaktionen aber wieder »von der Liste genommen«. Dennoch wurde er von den ungarischen und sowjetischen Behörden verfolgt, 1951–53 ausgesiedelt bzw. interniert. Auch in der Kádár-Ära durfte er seinen Beruf nicht ausüben. Er verstarb am 05. Januar 1989.

In seiner geistigen Emigration verfasste er seine 1971 beendeten Memoiren, die hier in vollem Umfang vorliegen. Auch wenn er sich darin auf das schicksalhafte Jahr 1944 konzentriert, nicht minder interessant sind seine Ausführungen über das Horthy-Regime oder über Akteure dieser Zeit. Als Student führte er eine heftige Auseinandersetzung mit Dezsö Szabó über die Nationalitätenfrage, da Mester die heftigen Ausfälle gegen die Nichtmagyaren im Lande überhaupt nicht teilen konnte. Da anwesenden Anhänger von Szabó sekundierten ihm dabei und pöbelten den jungen Szekler an, der nicht im Geiste des zeitgenössisch salonfähigen Hurra-Patriotismus über die Nationalitäten herziehen wollte. Zu den pikanten Details des Buches gehört u. a. die Information, dass der Verleger Szabós ein ungarndeutscher Kommunist aus Mágócs, Imre Faust, war. Laut Faust lebte Szabó unter erbärmlichen Umständen, bis er, der deutsche Kommunist, als Verleger ihm unter die Arme griff und ihn von seinem Elend erlöste.

Mester wagte es auch, Graf Albert Apponyi in einem Gespräch offen vorzuhalten, dass dieser mit seinem Schulgesetzt von 1907 die Nationalitäten geschlossen gegen die Magyaren gestimmt hatte. Mester lehnte die Idee der »kulturellen Überlegenheit der Magyaren« – die auch von Jakob Bleyer geteilt wurde – entschieden ab und nannte sie, was sie war: Ein Trugschluss der damaligen sozio-politischen Elite, um die eigene Vorherrschaft zu untermauern. Eine ganz ungewöhnliche Diagnose in der Nationalitätenfrage formulierte er hinsichtlich der Kontinuität zum Dualismus, indem er betonte, dass der einzige Unterschied darin bestand, das unter Horthy auch noch die Offiziere sich magyarisieren mussten, also nach 1920 die Repressalien noch verschärft wurden. [...]

Norbert Spannenberger



Esti

Péter Esterházy
Esti

Siebenundsiebzig Geschichten

Aus dem Ungarischen von Heike Flemming.
Verlag: Hanser, Berlin, 2013
ISBN: 978-3-446-24145-9
Preis: 24,90 €
Originaltitel: Esti, 2010,
Bezug: Buchhandel

Wieder solch ein Buch, funkelnd von Wortwitz, Wortschöpfungen, Melancholie und Ironie; Eigenschaften, die der ungarischen Sprache zu Eigen sind – und die auch ins Deutsche rüberkommen, vor allem, wenn der Text so gut übersetzt ist wie hier. – Ein großes Lob an Heike Flemming, die es sicher nicht immer einfach hatte mit diesen Texten; denn der sprachverliebte Autor hat hier alle Register gezogen.

Eingeteilt hat Péter Esterházy, alias Esti, seine siebenundsiebzig Geschichten in drei große Kapitel: Esti wird vorgestellt in einer ganzen Novellensammlung – Kornél Esti wird in Beziehung gesetzt zu Esti – und schließlich: Die Abenteuer des Kornél Esti, in denen er Geschichten und Lebensentwürfe um Esti ausprobiert (»Kornél Esti« und »Die Abenteuer des Kornél Esti« sind die Titel der ins Deutsche übersetzten Erzählungen seines großen Vorbildes Dezső Kosztolányi).

Esti ist die Hauptfigur; deshalb steht sein Alter Ego draußen und kann sich selbst beschreiben. In ihm sieht Péter Esterházy nicht nur einen Doppelgänger, den Doppelgänger von Kosztolányis Helden Esti, sondern er schlüpft geradezu in ihn hinein, wandelt ihn und sich wieder und wieder, als ein aus »Worten gewobener Mann«. »Kornél Esti – c’est moi«. Bereits seine Schul- und Studienkameraden nannten ihn Esti, was er als seine größte Auszeichnung ansieht.

Alles, was dem Autor durch den Kopf geht, jede für gut befundene Formulierung schreibt er auf: Bon mots in Hülle und Fülle – es müssen nicht die eigenen sein – Anspielungen, Zitate, schöne Sätze aus fremder Feder: »banale Freude ist Estis Leben«. Vielleicht kommt der Leser mit dem umfangreichen Werk am besten zu Rande, wenn er nicht alles verstehen oder hinterfragen will: Einfach zulassen, was einem da begegnet. Ich könnte mir vorstellen, dass sich Esterházy köstlich amüsiert über alles Grübeln seiner Leser, was er denn gemeint und bezweckt – wen er zitiert habe.

Esterházy als Esti lässt uns aber auch teilnehmen an den Schwierigkeiten zu schreiben, sich überhaupt etwas einfallen zu lassen – dabei ist und bleibt alles Fragment »Fragment, das heißt Dichtung«. Dabei fleht er um Erbarmen. Aber auch der Leser ist immer wieder versucht um Erbarmen zu flehen, ob der überbordenden Fülle der fragmentarischen Einfälle: In der Kürze läge manches Mal die Würze!! [...]

Gudrun Broska



Meine 500 besten Freunde

Johanna Adorján
Meine 500 besten Freunde

Stories

Verlag: Luchterhand Literaturverlag, München, 2013
ISBN: 978-3-630-87354-1
Preis: 18,99 €
Bezug: Buchhandel

Eitelkeiten, Klatsch, vermeintliche Zurücksetzung, zur Schau getragene, aber unechte Freundschaften, Affären, zerplatzte Träume, abgestürzte Karrieren. Praktikantinnen, die um jeden Preis ins Redaktionspersonal aufsteigen wollen – das sind die Protagonisten dieser 13 Stories, die sich im Klatsch -und Tratschmilieu in Berlins angesagten Restaurants, Lounges, Redaktionen und Galerien und sonstigen aufgebrezelten Kreisen tummeln.

Der Normalsterbliche scheint damit nichts zu tun zu haben – aber wie interessant diese Kreise zu sein scheinen, sieht man schon an den Titeln der Internetseiten, die tagtäglich reißerisch auf sich aufmerksam machen: Wer mit wem … und weshalb die eine Karriere gerade im Aufwind – die andere aber im Sinken begriffen ist. – Man sollte annehmen, das interessiere doch niemanden! Das Gegenteil scheint aber der Fall zu sein.

Ironisch führt Adorján ihre Helden vor, entlarvt schonungslos das aufgesetzte, aufgebrezelte Leben. Ein hübscher Effekt: Die Hauptfiguren der einen Erzählung – in der welcher sie häufig die Ich-Erzähler sind – werden in einer anderen Geschichte zu Neben- und Randfiguren degradiert. So wichtig sind sie also doch nicht, wie sie selbst von sich dachten.

Die Autorin, Redakteurin der FAS (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) in Berlin-Mitte ist mit diesen Kreisen bestens vertraut, das merkt der Leser schnell. Sie zeigt aber nicht nur das Alltagslächeln, das ein Leben in Glamour und Sorglosigkeit – die Leichtigkeit des Seins – suggerieren soll, sondern auch die ganz normalen Regungen, wie Verletzt-Sein, wie Daseins-Angst, Angst vor Krankheit und Einsamkeit und Furcht vor dem Abstieg.

Die Frauen sind gar nicht so hart gepanzert. Es trifft sie doch, wenn der neue Lover sie verleugnet, wenn der Lebenspartner in einer schwierigen Situation sie im Stich lässt, oder wenn die Frauen ihre Selbstverwirklichung so durchsetzen, dass der Mann im Regen stehen bleibt. [...]

Gudrun Broska



Erinnerungsgarten

Heinrich Oppermann
Erinnerungsgarten

Geschichten

Verlag BoD – Books on Demand, Norderstedt
ISBN: 978-3-7322-1451-8; BoD-Nr: 1606290
212 Seiten
Preis: 13,90 €
Bezug: Buchhandel

In einer einfühlenden Art und Weise stellt der Autor, als liebevoller Großvater, seinen jüngsten Enkel, Niklas, in einigen Lebensgewohnheiten dar und spart in spielerischer Art nicht an Ratschlägen. Der aus der Schwäbischen Türkei, Südungarns, als Kind mit seinem Bruder, den Eltern und Großeltern Vertriebene, führt seinen Enkel in die eigene Vergangenheit zurück, ohne dabei die sicherlich schlimmen Dinge, die er in der Kindheit erlebte, zu erwähnen. Dennoch hinterfragt der aufgeweckte und wissbegierige Bursche auch Sachen, die den Opa bewegen.

Im ersten Teil wird eine Reise in die Heimat des Opas, die sich Niklas mehrfach einmahnte, nacherzählt. Der Enkel lernt dabei die Lebensgewohnheiten seiner Vorfahren kennen und der Großvater schwelgt in den Erinnerungen und wird nicht müde in seinen Erklärungen. Im zweiten Teil wird Niklas die Heimatstadt seiner Oma, Bautzen, die auch die Heimstädte seines Opas wurde, näher gebracht. Dabei lernt der Enkel auch sorbische Kultur kennen, einer nationalen Minderheit, wie in Ungarn die Ungarndeutschen sind.

Beide entfliehen mit der Oma sehr oft der Hektik und der Enge der Großstadt Dresden auf die Heinrichshöhe mit der Wochenendhütte, der Tanya, im Osterzgebirge. Hier wird dem jungen lange Leine gelassen und in der freien Natur kann er seine Kindheit voll ausleben. Sein Großvater durchlebt in diesen Stunden noch einmal seine Jugend und ist auch bei einigen Streichen, oder beim Erlernen des Umgangs mit Pfeil und Bogen und einiger in Vergessenheit geratenen »Beschäftigungen« eine wertvolle Hilfe.

Im dritten Teil erfolgt die Reise über den Plattensee nach Südungarn mit vielen schönen Erinnerungen und Erlebnissen zu und mit den Ahnen und Freunden.

Die Geschichten dieses Buches sind sehr stimmungsvoll geschrieben und können als Vorlage für alle heimatliebende Großväter als Vorbild gelten und sind als unterhaltsame Geschichten für Leser jeden Alters zu empfehlen, die schöne Geschichten und Geschichte in Geschichten schmunzelnd erleben wollen. [...]

Heinz Noack




Einführung in das ungarische Recht

Herbert Küpper
Einführung in das ungarische Recht

C. H. Beck München und Manz’sche Verlags- und
Universitätsbuchhandlung Wien 2011.
(Schriftenreihe der juristischen Schulung; 186).
ISBN 978-3-406-5675-37, 978-3-21400-51-39.
XVII, 307 S.
Preis 59,- €
Bezug: Buchhandel

Die Einführung einer neuen Verfassung und deren häufige Änderungen und Ergänzungen in der letzten Zeit haben einige Details der umfangreichen Darstellung des ungarischen Rechts, die Herbert Küpper kürzlich vorgelegt hat, sicherlich unscharf werden lassen. Immerhin konnte der Autor die neue Verfassung im Anhang noch einarbeiten, um das Buch zum Erscheinungsdatum zu aktualisieren. Trotzdem handelt es sich um ein löbliches Unterfangen, erstmals eine so detaillierte Darstellung des aktuellen ungarischen Rechtssystems in deutscher Sprache auszuarbeiten.

Tatsächlich handelt es sich bei Prof. Dr. Herbert Küpper um den deutschsprachigen Fachmann für ungarisches Recht. Er hat sich die letzten Jahre intensiv mit dem ungarischen Recht auseinandergesetzt. Diese Beschäftigung setzte bei ihm schon in den 1990er Jahren ein. Nach dem Studium in Köln und London absolvierte er die Wahlstation seines Referendariats 1993 im ungarischen Innenministerium in Budapest. In zahlreichen Publikationen befasste er sich mit dem ungarischen Recht. Bereits seine Dissertation hatte ein ungarisches Thema. Er promovierte 1997 über »Das neue ungarische Minderheitenrecht«. Teilweise auch um Ungarn geht es in seiner Habilitation über »Kollektive Rechte in der Wiedergutmachung von Systemunrecht«, die 2002 in Köln angenommen wurde. Als Honorarprofessor an der deutschsprachigen Gylula-Andrássy-Universität in Budapest konnte er vor Ort sich in das Thema einarbeiten und einen intensiven Austausch mit ungarischen Rechtswissenschaftlern aufbauen. Immer wieder war er als Gastdozent an den Doktorandenschulen in Fünfkirchen (Pécs) und Szeged. Nicht zuletzt ist er als Geschäftsführer des Instituts für Ostrecht in München mit dem geographischen Bereich vertraut und besitzt einen Hintergrund, der ihm eine vergleichende Darstellung ermöglicht. Am Institut für Ostrecht ist er für Ungarn und den Kosovo zuständig. Zahlreiche südosteuropäische Gesetzestexte hat er in den letzten Jahren übersetzt und analysiert.

Um der Darstellung eine einheitliche Struktur zu ergeben, wurde der 31. Dezember 2010 als Datum für den juristischen Stand der Untersuchung angesetzt. So bildet das alte Bürgerliche Gesetzbuch von 2009 die Grundlage für die Untersuchung. Dieses trat zwar nie in Kraft, bildet aber die Grundlage für die neue Fassung. Auch beim Strafgesetzbuch wurde die alte Fassung benutzt. Als einleuchtende Begründung führt Herbert Küpper an, dass zum Zeitpunkt der Entstehung des Buchs das Inkrafttreten der neuen Fassungen für Zivil- und Strafrecht nicht abzusehen war. Die neue Verfassung vom 25. April 2011 wird in einem Anhang vorgestellt. Zur neuen Verfassung liegt von ihm inzwischen ein eigener Band in der Schriftenreihe des Instituts für Ostrecht vor. Hätte der Autor die entsprechenden Änderungen, die bis heute immer wieder erfolgen, abwarten wollen, wäre das Buch bis heute nicht erschienen. [...]

Klaus J. Loderer




Literarische Zentrenbildung in Ostmittel- und Südosteuropa

Mira Miladinovic Zalaznik, Maria Sass und Stefan Sienerth. (Hg.)
Literarische Zentrenbildung in Ostmittel- und Südosteuropa

Hermannstadt/Sibiu, Laibach/Ljubljan und weitere Fallbeispiele

RIKGS Verlag München 2010.
(Veröffentlichungen des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilian-Universität München, wissenschaftliche Reihe (Literatur- und Sprachgeschichte); Band 120).
450 Seiten
ISBN 978-3-9811694-8-5
Bezug: Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas e. V. an der Ludwig-Maximilians-Universität München Halskestr. 15, 81379 München, Telefon: 089/7806090, Telefax: 089/78060922, e-mail: ikgs@ikgs.de, www.ikgs.de
Preis: 27,50 €.

Der Band, der sich mit literarischer Zentrenbildung befasst, basiert auf den Referaten zweier Tagungen, die das Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) mit den Germanistiklehrstühlen der Lucian-Blaga-Universität Hermannstadt und der Universität Laibach 2006 und 2007 veranstaltete.

Natürlich dienten die beiden Veranstaltungsorte als Aufhänger einer näheren Untersuchung, doch geht der Band in seiner Breite über diese beiden konkreten literarischen Zentren hinaus und sucht nach den Eigenarten literarischer Räume im ehemaligen Königreich Ungarn bzw. in den Nachfolgestaaten Rumänien, Ungarn und Jugoslawien. Jürgen Lehmann geht das Thema ganz allgemein an und fasst Bedingungen und Voraussetzungen literarischer Zentrenbildung zusammen. Einflüsse der jeweiligen Herrscher untersucht er ebenso wie literarische Salons in der Zeit der Aufklärung in Deutschland. Doch wendet er den Blick auch schon weit in die Bukowina und analysiert die Situation in Czernowitz. Harald Heppner weist deutlich auf die strukturellen Unterschied zwischen dem die alten kulturellen Traditionen bewahrenden orthodoxen Bereich, in dem ein kulturelles Mäzenatentum völlig fehlte, und dem in geistliche wie weltliche Fürstentümer zersplitterten Zentraleuropa mit einer Vielzahl geistiger Zentren, die in ständigem Wettbewerb standen. Juliane Brandt führt die Themenbereiche Multiethnizität und Randlage in die Diskussion ein.

Nach diesen drei allgemeinen Texten ist der zweite Teil des Bandes dem rumänischen und ungarischen Bereich gewidmet. Natürlich liegt ein Schwerpunkt in der Stadt Hermannstadt, auf dessen Besonderheiten Konrad Gündisch abhebt. Laura Balomiri untersucht die kulturellen Wechselbeziehungen zwischen Wien und Hermannstadt. Sie macht dies anhand alter Chroniken und Reiseberichte. Dazu analysiert sie aber auch Werbeanzeigen in alten Zeitungen, wo sie Hinweise auf Konzerte Wiener Musiker ebenso fand wie auf Produkte der Wiener Kaffeefirma Julius Meinl.

Alte Beschreibung von Hermannstadt untersucht Bianca Bican. Sie vergleicht darin einen Text aus dem Jahr 1922 aus der Feder des Volkskundlers Emil Sigerus mit der Reisebeschreibung des Theaterprinzipals Christoph Ludwig Seipp aus dem 18. Jahrhundert. Es geht in dem Band natürlich nicht nur um die deutschsprachige siebenbürgische Kultur, schließlich bildete Hermannstadt auch ein Zentrum der rumänischen Kultur. Zu den wichtigen Einrichtungen Hermannstadts gehörte der 1861 gegründete »Siebenbürgische Verein für rumänische Literatur und die Kultur des rumänischen Volkes«, den Pamfil Matei vorstellt. Zwischen 1884 und 1903 erschien in Hermannstadt die Tageszeitung Tribuna (deutsch: Tribüne). Sie spielte nicht nur eine wichtige Rolle als meinungsbildendes politisches Informationsblatt sondern hatte auch eine wichtige Rolle für die literarische Bewegung. Maria Sass untersucht dies für den Zeitraum 1884 bis 1890. [...]

Klaus J. Loderer




Städte und Dörfer

Landsmannschaft der Banater Schwaben (Hg.)
Städte und Dörfer

Beiträge zur Siedlungsgeschichte der Deutschen im Banat

Redaktion: Elke Hoffmann, Peter-Diemar Leber, Walter Wolf
München 2011. (Reihe: Das Banat und die Banater Schwaben; Bd. 5)
670 Seiten, zahlr. Ill. + 1 Kartenbeilage, gebunden
ISBN 978-3-922979-63-0
Bezug: Landsmannschaft der Banater Schwaben
Sendlinger Str. 46/1, 80331 München
Tel. 089/2355730
e-mail: landsmannschaft@banater-schwaben.de
Preis: 45,– €

Ein umfangreiches Nachschlagewerk zu den Gemeinden des Banats hat die Landsmannschaft der Banater Schwaben herausgegeben. Von Altbeba bis Zipar werden darin mehr als 150 Gemeinden vorgestellt. Was da bescheiden unter dem Titel »Städte und Dörfer« als Band 5 des seit 1981 unregelmäßig erscheinenden mehrbändigen Werks »Das Banat und die Banater Schwaben« daherkommt, ist in Wirklichkeit ein mit 670 Seiten doch ziemlich mächtiges Ortslexikon zum Banat. Tatsächlich wird jede Gemeinde auf mehreren Seiten mit einem kurzen Abriss ihrer Geschichte und Charakteristika behandelt. Die Darstellungen sind kurz und prägnant. Wenige Fotos sind als Illustration beigegeben. In der Regel findet man ein Bild der Kirche, oft auch der Trachten des Orts. Die Städte als kulturelle Zentren sind zum Teil etwas ausführlicher beschrieben. Doch auch hier wurde Wert auf eine knappe Darstellung gelegt. Der ausführlichste Text ist mit sechzehn Seiten der von Rudolf Krauser zu Temeswar, doch ist dies der Bedeutung der Stadt als Zentrum des Banats geschuldet.

Da viele Autoren mitwirkten, ist jeder Beitrag im eigenem Stil gehalten. Das führt dann auch dazu, dass die Literaturhinweise sehr heterogen sind. Immerhin erfährt man in vielen Beiträgen auch etwas zur neueren Geschichte des Orts, was aus den Menschen wurde, zur Entstehung der Heimatortsgemeinschaft und zur Aufstellung eines Denkmals. Konstanten der Texte sind die Beschreibung der Ansiedlung und der Kirche. Zumeist finden sich Angaben zu Bevölkerungsentwicklung, Landwirtschaft, Gewerbe, Schulen und Vereinen.

So fasst der Band die Gemeinden des Banats zusammen. Für den am Banat interessierten Leser bietet sich der Vorteil, dass man zu allen Gemeinden zumindest etwas Informationen findet, auch zu solchen Gemeinden, zu denen nie ein Heimatbuch oder eine wissenschaftliche Untersuchung veröffentlicht wurde.

Zur Orientierung ist dem Band eine schön gezeichnete topographische Karte des Banat beigegeben. Fast hätte der Rezensent als Manko bemerkt, dass es noch schön gewesen wäre, man würde auch irgendwo die heutigen amtlichen rumänischen Namen der Gemeinden erfahren, die im Band grundsätzlich deutsch benannt sind. Auf der Rückseite der im hinteren Umschlag liegenden Karte findet sich allerdings eine sehr ausführliche Ortsnamenskonkordanz, auf der neben dem deutschen und dem rumänischen Namen auch noch der ungarische und der serbische bzw. kroatische Name zu finden ist. Das ist zur Orientierung doch sehr hilfreich.

Klaus J. Loderer




Aufgerissene Blicke

Ilma Rakusa
Aufgerissene Blicke

Berlin-Journal

Literaturverlag Droschl, Graz Wien
ISBN 978-3-85420-836-5
Bezug: Buchhandel
Preis: 16,– €

»Es gibt Orte, die einen ansprechen, und andere. Berlin hat mich immer angesprochen. Es sprach zu mir, als es geteilt war, es hat nicht aufgehört, zu mir zu sprechen.«

Ilma Rakusa war ein knappes Jahr, von Oktober 2010 bis Juli 2011 einer der umsorgten Gäste des Wissenschaftskollegs (Wiko) in Berlin. Schon 10 Jahren zuvor hatte sie sich notiert: »Die Stadt ist im Umbruch, wie ich«. –Und heute: »Daran hat sich nichts geändert«.

Die Autorin nutzt diese Monate ausgiebig, um neben ihrer eigenen Arbeit im Wiko viele Plätze in Berlin wieder- oder neu zu entdecken. Sie nimmt sich Zeit, neugierig hinter Ecken und in Hinterhöfe zu schauen, das Leben auf sich zukommen zu lassen. Und so spielt auch manch schöner »Zufall« mit, um lange nicht gesehen Bekannte und Freunde unvermutet zu treffen. Dieses Berlin-Journal, wie es im Untertitel heißt, ist kein Reiseführer zu den interessantesten Orten Berlins – und soll es auch nicht sein – sondern Rakusas ganz persönliche Begegnung. »Berlin ist für mich ein Scharnier zwischen Ost und West geblieben, eine Stadt, die mir meine Herkunft aus dem Osten bewusst macht und gleichzeitig Zukunft bereithält, ist sie doch ständig im Umbruch, unterwegs zu sich selbst.«

Die privaten Spaziergänge trennt sie sorgfältig von ihrer Arbeit im Wiko. Nur zuhause, in ihrer kleinen Wohnung in Berlin-Mitte – und meist am Wochenende macht sie Eintragungen, lässt die Bilder der Woche Revue passieren, Eindrücke und Begegnungen nachwirken.

Ilma Rakusa ist geradezu begeistert von der Vitalität der Stadt, für das Nichtperfekte, das Zufällige, das nicht Fertige in Berlin, das ständig im Wandel Begriffene – und vermittelt dabei (ungewollt) doch den Eindruck, sie müsse die Stadt gegen Nörgler verteidigen. Berlin selbst scheint sie aufzufordern, sich auf die Stadt einzulassen. Was sie auch tut »schon seiner Großzügigkeit wegen«. Ganz anders hat die Rezensentin Berlin erlebt: ständig aus Papptellern futternde und Kaffee-to-gotrinkende Berliner (nicht Touristen). Junge Berliner, die sich im Gedränge hinter uns unterhielten: »Ich kann die Schwaben überhaupt nicht leiden – aber am meisten hasse ich die Bayern!« Da tut es gut und macht neugierig auf ein anderes Berlin, auf ein Berlin der Intellektuellen und Künstler: Begeistert ist die Autorin von Friederike Mayröcker, deren Bücher sie auch in Berlin liest – und die ihr geistiger Dialogpartner ist, wie sie in einem Interview auf der Leipziger Buchmesse bekennt. Häufig stellt sie Zitate der Dichterin in den Text. [...]

Gudrun Brzoska




Oh Bumerang

Ildikó Noémi Nagy
Oh Bumerang

Stories

Aus dem Ungarischen von György Buda.
Originaltitel: Eggyétörve, 2010. Verlag Jung und Jung, Salzburg und Wien, 2013.
ISBN: 978-3-99027-034-9;
128 Seiten, gebunden.
Bezug: Buchhandel
Preis: 17,90 €

Ildikó Noémi Nagy legt in ihrem ersten Band Geschichten vor, in denen es sich um Befindlichkeiten dreht: Stimmungen und Alltagszustände einer jungen Frau, die sich an ihre Schulzeit, an ihre Teenagersehnsüchte und Teenagerängste in ihrem Amerika und Ungarn erinnert. Die Autorin wuchs zweisprachig auf, ihre Eltern emigrierten nach 1956 nach Kanada; – viel mehr erfährt man nicht über sie.

Sicher kann man diese autobiografisch erzählten Skizzen nicht eins zu eins umsetzen. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass hier schreibend verschiedene Identitäten ausprobiert werden.

Sicher kann man diese autobiografisch erzählten Skizzen nicht eins zu eins umsetzen. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass hier schreibend verschiedene Identitäten ausprobiert werden.

Sicher ist aber, dass Nagy ihre zwiespältigen Erfahrungen der Zugehörigkeit – nicht nur zu zwei Ländern, sondern sogar zu zwei Kontinenten hier mit einbringt. Auf der einen Seite das großzügige – für ungarische Verhältnisse – luxuriöse Leben in Amerika, mit Bungalow, Autos, Internatserziehung und einem Hund, der unbedingt dazugehören muss, eben dem »American Way of Life«; auf der anderen Seite die mehr als beengten Verhältnisse als Studentin in Budapest. Trotzdem, ihr Herz scheint am Leben in Ungarn zu hängen, das spürt man immer wieder.

Vieles äußert sich jedoch auf beiden Seiten des Atlantik im Leben der Jugendlichen sehr ähnlich: man langweilt sich, sitzt herum, redet irgendwas, trinkt, raucht. Wichtig sind Musikclips, wichtig, dass die Musik einer bestimmten Band das jeweilige Lebensgefühl unterstreicht. Hier wie da schläft man miteinander – nur so –es gehört dazu – man klaut eine Kleinigkeit, weil es Sport ist.

Die junge Generation erkennt sich wahrscheinlich wieder in den Geschichten; sie kennt die Probleme, sie kennt die Musik, die Bands. Die Älteren unter uns tun sich da wahrscheinlich schwerer: Die Lebenssituation ihrer Jugend sah ganz anders aus. [...]

Gudrun Brzoska




Der Verruf

György Spiró
Der Verruf

Roman

Aus dem Ungarischen von Ernő Zeltner.
Nischen Verlag, Wien & Budapest, 2012.
ISBN 978-3-9503345-1-7;
320 Seiten, gebunden.
Originaltitel Tavaszi tárlat, 2010.
Bezug: Buchhandel
Preis: 22,80 €

Spiró, der großartige Erzähler greift mit seinem Roman noch einmal die ganze Tragödie, aber auch die Farce im Gefolge des ungarischen Volksaufstandes von 1956 auf. Es sind die ersten Wochen der Kádár-Regierung: Er zeigt, wie in einer Diktatur ein ganz und gar Unbeteiligter fertig gemacht wird, wie durch Terror die Masse in Furcht und Atem gehalten wird, und wie sich fast eine ganze Gesellschaft solidarisch gibt in ihrer Angst und wie sie gemeinsam Front macht gegen einen vom Regime willkürlich zum Täter ausgewählten Opfer. Er zeigt aber auch, wie das Opfer, wenn es noch einmal davon kommt, ganz schnell das ihm zugefügte Unrecht vergessen will, um in der Masse aufzugehen.

Gyula Fátray, »Unser Held«, wie ihn der Autor einführt, ist 46 Jahre alt, Maschinenbauingenieur und in der Planungsabteilung eines Betriebes beschäftigt.

Die Judenpogrome konnte er, versteckt mit seiner Frau, überleben. Nach dem Krieg hatten sie das Land nicht verlassen, sondern an einem klassenlosen Regime mitarbeiten wollen. Sie haben einen Sohn, den 11-jährigen Matyi, nicht besonders intelligent – doch auf ihm ruhen die bürgerlichen Hoffnungen der Eltern.

Nach dem Krieg ließ Unser Held seinen Nachnamen, Klein, magyarisieren – eigentlich sollte er Tátrai heißen, doch mehrere Fehler machten daraus »Fátray«, mit einem Y am Ende, was auf adelige Herkunft schließen lässt.

Kati, seine Frau, eine überzeugte Kommunistin und Kämpfernatur, will Partei und System gut finden, obwohl sie im Herzen eine Kleinbürgerin ist, gern in einer anständigen Wohnung mit schönen Möbeln und gutem Geschirr leben würde – und nicht in einer Einzimmerwohnung mit Diele. Sie hat eine Stelle als Protokollschreiberin bei den vier Jurys, welche Bilder für die große Frühjahrsausstellung 1957 heraussuchen, wirkliche Kenntnisse von Kunst hat sie nicht. Das Familienleben gestaltet sich nicht sehr harmonisch; jeder geht seinem Beruf nach, die Mutter hat ehrgeizige Pläne für den Sohn, der Vater kümmert sich kaum. Eine Durchschnittsfamilie eben, in einer Großstadt mit sehr beengtem Wohnraum. [...]

Gudrun Brzoska




Frau an der Front

Alaine Polcz
Frau an der Front

Ein Bericht

Aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer.
Suhrkamp Verlag, 2012.
ISBN 978-3-518-42306-6;
231 Seiten, gebunden.
Originaltitel: Asszony a fronton. Egy fejezet élemből, 1991 & 2005.
Bezug: Buchhandel
Preis: 22,95 €

Von diesem Buch kommt man so schnell nicht wieder los: »Frau an der Front«, die Leiden einer jungen Frau, die 1944 auf der Flucht in die Frontlinie gerät. Die Autorin schreibt schnörkellos und ohne Pathos. Die schrecklichsten Dinge habe sie gar nicht aufgeschrieben, wie sie sagt. Fünfundvierzig Jahre später erzählt sie von diesen Monaten auf der Flucht. Vorher durfte in Ungarn nicht darüber gesprochen werden – unsagbar, dass das siegreiche Brudervolk, die Sowjets, sich so bestialisch benommen hätten: »In Ungarn löste das Buch 1991 bei seinem Erscheinen ungläubiges Entsetzen aus«, wie es in der Verlagsinformation heißt – »obwohl es doch bekannt war. […] Inzwischen ist das Buch in elf Sprachen übersetzt und zählt heute zu den bedeutendsten Lebenszeugnissen von Frauen aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs in Mitteleuropa«.

Ende März 1944 heiratet Alaine Polcz in Klausenburg (Cluj, Kolozsvár) in Siebenbürgen den angehenden Dichter und Journalisten János. Sie ist sehr verliebt, spürt aber bald, dass er sie nicht liebt. Er spricht kaum mit ihr und beachtet sie nicht. Bis zum Ende ihrer Ehe weiß Alaine nicht, warum er sie eigentlich geheiratet hat. Schon auf der Hochzeitsreise betrügt János sie und steckt sie an mit Gonorrhö. Alaine fühlt sich sehr unsicher und allein, vertraut sich aus Scham aber niemandem an.

Einmal, 45 Jahre später, muss sie darüber reden – nach so vielen Jahren – obwohl sie inzwischen darüber steht – aber es beschäftigt sie; ihre unglückliche grausame Ehe und das brutale Leben zwischen den Fronten:

Schon bald nach ihrer Hochzeitsreise besetzen deutsche Soldaten Klausenburg. Alaine fängt an sich zu fürchten, als ihre Freunde den gelben Stern tragen müssen und verschleppt werden. Chaos bricht aus. Das Ehepaar versucht zu helfen und zu retten, doch viel können sie nicht tun. Währenddessen geht bei der »normalen« Bevölkerung das gesellschaftliche Leben weiter, Theater, Kino, Restaurantbesuche, Ausflüge – bis zum 23. August, als die rumänische Regierung den Pakt mit Hitler aufkündigt und sich mit den Sowjets verbündet. Die Ungarn im Land sind in Gefahr und die Familie entschließt sich zur Flucht nach Budapest. Dort kommen sie im September unter ständigen Fliegerangriffen an. »Erzähle ich zuviel von Luftangriffen? […] Die Vorstellung, dass die Atombombe aus großer Höhe abgeworfen wird und schön still herabsegelt, wirkt beruhigend auf mich […] keine Todesschreie … und wir würden einfach zu Asche. Kein Wort der Klage käme über meine Lippen.« […]

Gudrun Brzoska
www.ungarische-literatur.eu




 

Josef Schwing
Die deutschen mundartlichen Ortsnamen Südtransdanubiens (Ungarn)

Universitätsverlag Debrecen (Debreceni Egyetemi Kiadó) 2011.
(A magyar néparchívum kiadványai; 22).
ISBN 978-963-318-129-4.
XXXVIII, 213 S., zahlr. Kt.
Bezug: ungarischer Buchhandel oder
Josef Schwing, Tel./Fax 06236/54488,
jschwing.de/kontakt.html

Ein Nachschlagewerk der mundartlichen Namensfassungen der Ortsnamen in Südtransdanubien hat der Mundartforscher Prof. Dr. Josef Schwing nun vorgelegt. Er hat damit sowohl einen wichtigen Beitrag zur Ortsnamensforschung wie zur deutschen Mundartforschung geleistet. Für die Namenssammlung konnte Schwing die Erfahrungen ausnutzen, die er bei der entsprechenden Ortsnamensforschung in der Pfalz für das pfälzische Wörterbuch gemacht hatte. Nun entstand in vieljähriger Kleinarbeit eine entsprechende Arbeit für Südtransdanubien.

Hintergrund der Arbeit ist das Phänomen, dass Ortsnamen in der Mundart nicht einheitlich sind. Die Ortnamen variieren stark in der engeren und weiteren Umgebung. Genau wie die deutsche Mundart in Südtransdanubien sogar auf engem Raum variiert, ist dies auch bei den Ortsnamen der Fall. Der nun vorliegende Band ist das Ergebnis der Auswertung von Tonbandaufnahmen in 220 Orten. Dafür hat Schwing sämtliche Ortsnamen der Region abgefragt und die Namen der großen Städte Ungarns. Insgesamt ergaben sich bei dieser gewaltigen Datensammlung 17000 mundartliche Ortsnamen.

Für die Arbeit war es höchste Zeit, denn die Zahl der Mundartsprecher geht zurück. Vor allem ist auch die Mundart einem Wandel unterworfen. Schwing konzentrierte sich deshalb auf ältere Mundartsprecher. Er machte die Erfahrung, dass weibliche Gewährsleute verlässlicher waren als männliche. Die Frauen bewahrten den heimischen Dialekt exakter. Bei den Männern kam es häufig zu Veränderungen des Dialekts durch den Militärdienst und die berufliche Ausbildung, die den Dialekt »modernisierten«.

Dem eigentlichen Lexikon stellt Schwing eine sprachkundliche Abhandlung über die Struktur der Ortsnamen in Südtransdanubien voran. Zur Übersicht sind auch drei Karten beigegeben, die über die Bevölkerungsstruktur und die deutschen Mundarten Südtransdanubiens informieren. [...]

Klaus J. Loderer




Reise nach Gestern

François (Ferenc) Fejtő
Reise nach Gestern

Reisetagebuch

Aus dem Ungarischen übersetzt und herausgegeben von Agnes Relle.
Verlag Matthes & Seitz, Berlin, 2012;
ISBN 978-3-88221-552-6;
350 Seiten, zahlr. Fotos.
Originaltitel: Érzelmes utazás, 1936.
Bezug: Buchhandel
Preis: 29,90 €

Fejtő macht 1934 als 25-jähriger junger Mann eine Reise nach Kroatien, um seine Verwandten zu besuchen, zum ersten Mal wieder nach dem Krieg. Ungarn hat nach dem Vertrag von Trianon mit einem Schlag 2/3 seiner Bevölkerung verloren. Grenzen sind zu überwinden, die vorher nicht da waren.

Akribisch führt er Tagebuch: Jede Beobachtung wird ihm zur Geschichte, wie er später bemerkt. Diese Notizen gibt er unter dem Titel »Zagreber Tagebuch« in der wichtigen Literaturzeitschrift Nyugat (1936) heraus. László Dormándi verlegt das Reisetagebuch 1989 in Ungarn neu, diesmal mit dem Titel »Érzelmes utazás« (Sentimentale Reise). Fejtő steuert die Kommentare zu den Fotos bei, die später, in der Übersetzung von Agnes Relle auf Deutsch, weiter ergänzt werden.

Fejtő lockt den Leser mit leichtem Plauderton immer wieder in überraschende Situationen, die er als Miniaturerzählungen in seine Aufzeichnungen schiebt: Die kleinen Feuilletons wenden sich einmal Freunden und Verwandten zu, dann wieder abgelenkt vom Blick in die Landschaft. Gleich darauf stellt der Journalist politische und gesellschaftliche Zusammenhänge vor oder gestattet uns einen Blick in sein Innenleben. In diesen Streifzügen nach Zagreb und Dalmatien, bei denen er nach seinen mütterlichen und väterlichen Wurzeln sucht, reist er nicht nur ins Land seiner Kindheit und seiner Vorfahren, er macht auch eine Reise in sein Innerstes, klärt seine Gedanken, findet und benennt seinen Standpunkt.

Die Reise beginnt am 27. Juni 1934, und schon der Grenzübertritt ins nun fremde Land bereitet ihm – wie auch den Mitreisenden Sorge. Sie haben den Eindruck des Unrechtmäßigen, wenn sie als Ungarn über die Grenze nach Jugoslawien fahren. Dies Land ist ihm heute »fremd-vertraut«. Er erkennt vieles aus seiner Kindheit, aus den Ferien bei den Großeltern wieder – und doch ist es ein kühles Land für ihn geworden.

Er trifft die Familie seine Schwester wieder, Onkel und Tanten, Cousinen und Vettern tauchen auf; er macht Besuche und er wird eingeladen. Mit jeder Figur rollt er die weitschweifige, farbige Familiengeschichte weiter auf. Dazu gibt er zauberhafte Landschaftsbeschreibungen, sodass man als Leser richtig Lust bekommt, dieses Land zu besuchen – um es mit den Eindrücken des jungen Mannes damals zu vergleichen. Kroatisch spricht er nur sehr ungenügend. Ungarisch will man in Kroatien nur ungern sprechen – aber mit Deutsch kommt er – 1934 – fast überall weiter. Vor allem der gebildete Bürger spricht Deutsch. Zagreb ist für Fejtő die Heimatstadt – obwohl er dort nicht geboren ist. Schon als kleiner Junge verliert er seine Mutter und kommt zu den Verwandten nach Zagreb. Zagreb, eine liebenswürdige österreichische Stadt. Überlall noch k. u. k. – auch jetzt noch, nach Trianon! [...]

Gudrun Brzoska




Aufbruch von Ulm entlang der Donau

Marie-Kristin Hauke
Aufbruch von Ulm entlang der Donau

Ulm und die Auswanderung im 18. Jahrhundertoman

Mit einem Beitrag von Márta Fata.
Verlag Klemm & Oelschläger Ulm 2012;
(Kleine Reihe des Stadtarchivs Ulm; 10);
ISBN 978-3-86281-044-4;
128 Seiten, zahlr. Ill. und Karten.
Bezug: Buchhandel
Preis: 17,80 €

Die donauschwäbische Forschung konzentriert sich üblicherweise beim Thema Auswanderung auf die Ankunft im Königreich Ungarn. Die Stadt Ulm hat das Jubiläum einer Auswanderungswelle auf die Güter des Grafen Károly im Sathmar-Gebiet zum Anlass genommen, sich einmal mit den Beziehungen zwischen der alten Reichsstadt und den Auswanderern zu befassen. Marie-Kristin Hauke hat dazu eine Studie verfasst, die die Rolle der Stadt als Einschiffungsort tausender Emigranten untersucht. 1941 hatte Otto Wiegandt sich schon einmal mit dem Thema befasst und Daten gesammelt. Da wurde es endlich Zeit für eine neue Betrachtung.

1712 wanderte eine große Gruppe von Menschen in das Königreich Ungarn aus. Diese Auswanderung war letztlich nicht für alle Auswanderer erfolgreich. Eine nicht geringe Zahl machte sich schon bald wieder auf den Rückweg. Aus Angst vor der Einschleppung von Seuchen ließ die Reichsstadt Ulm schnell bei Leipheim ein Lazarett für ca. 300 Personen erstellen. Dies war nicht das einzige Problem, das die Reichsstadt mit den Migranten hatte. Schon im Vorfeld der Auswanderung stellten sich durch eine große Teuerung Versorgungsprobleme der sich in der Stadt aufhaltenden Auswanderern. Die städtische Obrigkeit geriet dadurch in einen Konflikt mit den Wirten.

Marie-Kristin Hauke untersucht nach einer Übersicht zur Auswanderung in das Königreich Ungarn im 18. Jahrhundert besonders die Verhältnisse in Ulm. Hier interessiert sie besonders die Versorgung der Auswanderer durch die Wirte und ihre Unterkunft. Waren die Auswanderer für Ulm eine interessante Geldquelle oder eine Belastung? Dieser Frage geht Hauke ebenso nach wie der Organisation der Auswanderung. Ein spannender Zwiespalt stellte sich durch die Konfessionen. War die Reichsstadt evangelisch geprägt, waren die meisten Auswanderer römisch-katholisch. [...]

Klaus J. Loderer




Auf der Donau in eine neue Heimat

Anita Villnow
Auf der Donau in eine neue Heimat

Selbstverlag AKdFF, Sindelfingen, 2012.
Bezug: AKdFF e. V., Goldmühlestraße 30, 71065 Sindelfingen,
Tel. 07031/7937637, Email info@akdff.de
128 Seiten
Preis: 14,50 € (zzgl. Versand)

Zum Ulmer Jubiläumsjahr »Aufbruch von Ulm entlang der Donau 1712– 2012« regte Christian Glass, der Leiter des Donauschwäbischen Zentralmuseums Ulm, die Mitglieder des Arbeitskreises donauschwäbischer Familienforscher (AKdFF) dazu an, aus dem Fundus der zahlreichen Forschungsarbeiten einige herausragende Arbeiten zur Herkunftsforschung insbesondere der frühen Auswanderer von Deutschland nach Ungarn zusammenzustellen. Die entstandene Publikation enthält auf 128 Seiten wichtige Arbeiten aus der Feder der bereits verstorbenen Forscher Werner Hacker, Stefan Stader und Anton Krämer, die mit ihren Arbeiten die Grundlagen für viele weitere genealogische Forschungsarbeiten gelegt haben.

Das von Stader begonnene Sammelwerk donauschwäbischer Kolonisten ist die umfangreichste und noch nicht abgeschlossene Buchreihe zur Herkunftsforschung, in der erstmals versucht wird, sowohl Herkunft als auch Zielorte der Auswanderer zu ermitteln. An dieser Stelle stockt die Ahnenforschung der meisten, die ihre Vorfahren zusammenstellen wollen. Erst bei den seit 1770 in Wien regelmäßig registrierten Durchwanderer gibt es oft vage Angaben zur Herkunft (»aus dem Reich«, »ex Germania« usw.) oder es werden verschriebene Herkunftsorte genannt. Meist sind auch nur die Zielgebiete wie Banat, Batschka oder Galizien genannt. Bei der Auswertung der Kirchenbücher im Herkunfts- und Zielgebiet konnten viele Forscher überraschend feststellen, dass nicht nur ein Zielort in Ungarn, sondern oft mehrere Durchwanderungs-Orte durchsucht werden müssen. Auch haben die Kolonisten auf dem Weg entlang der Donau noch unterwegs geheiratet, weil die Verheirateten von den Wiener Behörden bevorzugt wurden. Gerade für die frühe Auswanderungsperiode nach dem Abzug der Türken ist die Quellenlage sehr mager. So kann man froh sein, auf die wissenschaftliche Arbeit von Dr. Claus Heinrich Gattermann für die Baranya oder Einzelarbeiten und Zufallsfunde für die Periode ab 1711 zurückgreifen zurückgreifen zu können. Einzelne Beispiele für erfolgreiche genealogische Forschungsarbeiten wie die Familie Thalwieser (Pesthidegkút), Becker (Banat) und Brenner (Burgenland), und der Nobelpreisträgerin Herta Müller sind sehr verschiedene Beispiele zur Arbeitsweise bei der Forschung und der Darstellung der Ergebnisse. Der AKdFF stellt sich mit seiner umfangreichen Vereinsbibliothek im Haus der Donauschwaben in Sindelfingen vor. Hier steht allen Forschern eine umfangreiche Sammlung von Fachliteratur, Quellenwerken, Familienbüchern und -chroniken sowie Mikrofilmen und Kopien von Kirchenbüchern aus allen Gebieten in Ungarn, Rumänien und den Ländern im ehemaligen Jugoslawien zur Verfügung. Das Titelbild der Broschüre schuf Hans Kröninger. Die Broschüre ist eine gute Lektüre sowohl für Familienforscher als auch für Hostoriker. [...]

AKdFF




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