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Zum Feierabend

Die Stephansiedlung in Griesheim wird 75

Ein dankbarer Blick zurück – ein offener Blick nach vorn
Die Stephansiedlung in Griesheim wird 75
Der Planungsausschuss 75 Jahre St. Stephan
Klaus J. Loderer
1948 gründeten 40 Siedlerfamilien, vertrieben aus der Heimat und auf der Suche nach einem Ort, den sie zu ihrer neuen Heimat machen könnten, die Siedlung St. Stephan im hessischen Griesheim.
Dr. Victor Grußmann, ein Rechtsanwalt aus Versend/Ungarn, der damals in Zwingenberg wohnte und in der kirchlichen Hilfsstelle in Frankfurt arbeitete, hatte den Griesheimer Sand aufgespürt. Er dachte an ein gutes Weinbaugebiet für die ungarndeutschen Landsleute und konnte den Leiter der kirchlichen Hilfsstelle, Prälat Albert Büttner, als Unterstützer gewinnen.
Als Dr. Gußmann 1947 in einer Gaststätte in Fehlheim seine Idee einer Siedlung auf dem Griesheimer Sand vorstellte, sagten die ersten 6 Familien sofort zu. Darunter auch Adam Schultz mit seiner Frau Maria, auf dessen Chronik sich auch dieser Bericht in Teilen stützt. Weitere Familien kamen aus Weiher, Balkhausen, Braunshardt, Wattenheim, Hofheim/Ried und Zwingenberg. Am 8. Dezember 1947 schauten sich die Männer aus Fehlheim erstmals das Land an, auf dem ihre Siedlung entstehen sollte. Ein riesiger Bombentrichter zierte den trostlosen, unfreundlich und kahl wirkenden Landstrich und schreckte so manchen Interessenten ab. Letztlich kamen 40 Siedlerfamilien zusammen, die im Januar 1948 in Frankfurt eine Obst- und Weinbaugenossenschaft gründeten und der Siedlung, die noch entstehen sollte, den Namen St. Stephan, nach dem heiligen König der Ungarn, gaben. Es sollte ein harter und anstrengender Weg werden, bis die ersten Siedler in St. Stephan ihr zu Hause fanden. In gegenseitiger Hilfeleistung, in einem großartigen Miteinander, in Zeiten vieler Entbehrungen und fest im Glauben verankert entstanden die ersten Baracken und eine Notkirche und es wurde die wirtschaftliche Nutzfläche beackert. Schnell stellte man vom ursprünglich geplanten Weinbau, für den der Sand nicht geeignet war, auf den Spargelanbau um. Die ersten Häuser wurden als Doppelhäuser gebaut. Immer 4 Familien bauten gemeinsam zwei Doppelhäuser und vier Wirtschaftsgebäude. Wem letzten Endes welche Seite der Häuser gehören würde, dass entschied das Los. Jeder Siedler war Maurer und Zimmermann und jeder half mit. Nach und nach zog das Leben in die Siedlung. Es wurde ein Lebensmittelladen eröffnet, eine Poststelle gegründet, und eine Gastwirtschaft eröffnet. Ab 1951 nahm die kulturelle Entwicklung dann fahrt auf. So wurden nach und nach eine freiwillige Feuerwehr, ein Gesangsverein, ein Sportverein, ein Karnevalsverein, ein Kirchenchor und in den Folgejahren noch so vieles mehr gegründet. Anfänglich von der Griesheimer Bevölkerung argwöhnisch beobachtet und oftmals abgelehnt ist St. Stephan heute ein Teil Griesheims, der nicht mehr wegzudenken ist.

Ein Stück der eigenen Geschichte bewusst machen und in Ehren halten – so kann man die Motivation des Planungskomitees zum 75. Geburtstag der Stephanssiedlung beschreiben.
Viele Monaten arbeiteten Menschen aus der Gemeinde, die ihre Wurzeln in St. Stephan haben, an diesem Jubiläumsprojekt.
Es wurde geplant, diskutiert, organisiert, Zusammengetragen und in vielen Stunden gemeinsam daran gearbeitet, die Geschichte zu präsentieren und begreifbar zu machen.
Das große Interesse an einer solchen Veranstaltung zeigte der rasant verlaufende Kartenvorverkauf. So wurden binnen zwei Stunden alle Karten ausgegeben und die Organisatoren mussten ihren Bestuhlungsplan noch einmal überarbeiten. Letztlich konnten beide Veranstaltungen erweitert werden und waren aufgrund der Warteliste wiederum sofort ausverkauft. St. Stephan ist mehr als eine Haltestelle, eine Kirche oder ein Verein. Es ist die Geschichte von Vertreibung, von Hoffnungslosigkeit und von Neuanfang. Eine Geschichte, die berührt und die in heutiger Zeit im Hinblick auf Krieg und Flucht Erinnerungen weckt.
In der Kirche St. Stephan war bis zur Adventszeit eine Fotoausstellung zu sehen, die das Siedlungsleben von Anbeginn und in ihrer Entwicklung bis heute darstellt. Auch die lokale Presse hat das Jubiläum begleitet und zu den Feierlichkeiten zu 75 Jahre Stephanssiedlung eine Sonderbeilage veröffentlicht, um das Jubiläum zu dokumentieren und an die Geschichte der Anfänge zu erinnern. Diese Sonderausgabe erhielten die Besucher der Jubiläumsveranstaltungen als Erinnerung. Zeitzeugenberichte aus Sicht der ersten Siedler sowie Berichte aus Sicht der Griesheimer Bevölkerung, wertvolle Erinnerungen an die ersten Siedlungsjahre auf damaliger Darmstädter Gemarkung und die Integration in die Stadt Griesheim – all das präsentierte die Sonderbeilage und erinnert somit an ein Stück Stadtentwicklungsgeschichte, welches nicht in Vergessenheit geraten soll.

Am Festwochenende (22. und 23. Oktober 2023) leitete ein Gottesdienst in der Stephaner Kirche das Jubiläumswochenende ein. Diesen Gottesdienst gestaltete Gemeindepfarrer Engelbert Müller gemeinsam mit seinem Vorgänger, Pfarrer Klaus Forster, der als Gast geladen war. Ebenso ließ es sich der Kirchenchor St. Stephan nicht nehmen, den Gottesdienst musikalisch zu begleiten.
Die Organisatoren Jürgen Rückert, Rita Mück, Bini Gleich, Barbara Hektor, Ingrid Schäffer, Inge Andraschek-Tachtler, Anni Keller, Ulrich Schweiger, Theresia Witzek, Renate Lux, Rainer Lux, Sandra Löbig sowie Manuela und Manuel Schultz hatten ein würdiges Festwochenende geplant. Das Motto, unter dem alles Stand, lautete: Ein dankbarer Blick zurück – ein offener Blick nach vorne. Dieses Motto zog sich durch die Veranstaltungen. So konnten die Gäste des Festabends, der im Pfarrzentrum St. Stephan stattfand, nach einer kurzen Begrüßung typische Stephaner Schmankerl verkosten, die sie bereits im Vorfeld ausgewählt hatten. Zu Auswahl standen Sarmen, die Barbara Hektor (Jg. 1944) mit ihrem Küchenteam zauberte. Manuel Schultz, Enkel eines Siedlungsgründers, kochte gefüllte Paprika im Kessel über offenem Feuer und Ingrid Schäffer, die ebenfalls in der Siedlung aufgewachsen war, servierte Grenadiermarsch (Krumbeerenudl) mit Gurkensalat. Nach dem Essen folgte ein Rückblick in die Siedlungsgeschichte. Der Bürgermeister der Stadt Griesheim, Geza Krebs-Wetzel, eröffnete den geschichtlichen Rückblick mit einem Vortrag über das Land, aus dem die Siedler kamen. Selbst in Ungarn verwurzelt war ihm das eine Herzensangelegenheit, die man in seinem bildgestützten Vortrag wahrnehmen konnte. Dann wurde der Raum dunkel und die Gäste lauschten der Stimme von Rita Mück und Helmut Schultz (Kinder eines Siedlungsgründers) die zunächst das Leben in der alten Heimat beschrieben und über Arbeit und Feste berichteten bis hin zu dem Tag, an dem die Vertreibung einsetzte und den Menschen bis auf wenige Habseligkeiten alles genommen wurde. Der Bericht ging nahtlos weiter in einen Zeitzeugenbericht, den Adam Schultz als Siedlungsgründer vor 15 Jahren verfasst hatte. Der Bericht wurde von seinen Urenkeln Max und Felix Schultz vorgetragen. Während des Vortrages hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Emotional hat die Art des Vortrages und die Erinnerung an eine sehr schwere Zeit die Anwesenden stark berührt. Die anschließende Pause wurde mit Donauschwäbischem Süßgebäck für angeregte Unterhaltungen genutzt. Die süßen Leckereien hatten Frauen der Siedlung gezaubert und ein grandioses Buffet erstellt. Viele der Besucher fühlten sich an die Mutter oder Oma zurückerinnert und genossen den Geschmack, den sie zum Teil viele Jahre nicht mehr hatten, in großer Dankbarkeit. Weiter führte das Programm, das von Bini Gleich moderiert wurde, in den typischen Tagesablauf einer Siedlungsfamilie. Ein Mundarttheaterstück, das Bini Gleich, Jürgen Rückert und Anna Augustin präsentierten, fand großem Anklang. Der vertraute Donauschwäbische Dialekt und die enge Verbundenheit im Glauben wurden ebenso wie manch lustige Unterhaltung präsentiert. Der Abend sollte aber noch nicht zu Ende sein. So hielt auch der Ehrenvorsitzende des Museumsvereins und Ur-Griesheimer Georg Funk eine Rede über die Anfänge und die Entwicklung des Miteinanders. Er hatte früh Kontakte in die neu gegründete Siedlung und konnte so manche Anekdote berichten. Sein Bericht schloss mit einem berühmten, wenn auch leicht abgewandelten Satz und brachte das Heute auf den Punkt, als er sagte: »Ich bin ein St. Stephaner«. Großer Applaus wurde ihm hierfür geschenkt. Die Bühne eroberten dann die Donaugeschwister. Eine Gesangstruppe aus zwei Geschwisterpaaren. Bini Gleich und Jürgen Rückert sowie Rita Mück und Helmut Schultz wurden von Werner Frey und Karl Funk (Mitglieder der Band Bob) musikalisch begleitet. Mit den Liedern »Nach meiner Heimat, da zieht´s mich wieder«, »’S is Feierabomd« (Das Tagwerk ist vollbracht) und »Leise sinkt der Abend nieder« eroberten sie die Herzen der Zuhörer im Sturm.

Mit Dankesworten an alle Organisatoren, Unterstützer und Helfer ging ein sehr schöner und emotionaler Festabend weit nach Mitternacht zu Ende.
Doch die Festivität war damit nicht abgeschlossen. Am Folgetag hatten die Organisatoren zu einem Festnachmittag eingeladen. Dieser startete bereits zur Mittagszeit und bot den Gästen erneut die Donauschwäbischen Schmankerl für das leibliche Wohl. Bei muskalischer Unterhaltung durch die Siebenbürger Musikanten aus dem benachbarten Pfungstadt wurde die Tanzfläche genutzt und auch an diesem Tag gab es ein kleines Rahmenprogramm. Das Mundarttheater unterhielt die Gäste und auch das Donauschwäbische Gebäck fand begeisterte Abnehmer. Zu Recht darf das Planungskomitee auf ein sehr gelungenes Festwochenende anlässlich des Jubiläums zu »75 Jahren Siedlung St. Stephan« zurückblicken, das in ehrendem Gedenken an die Gründerfamilien und mit offenem Blick in die Zukunft gefeiert wurde.
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