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Kultur

Schöpfen aus dem Wasser des Seins

Die anonymen Welten in den Bildern von Róbert Várady – eine Ausstellung im Liszt-Institut in Stuttgart
Schöpfen aus dem Wasser des Seins
»Heidegger schöpft aus dem Wasser des Seins« 2014
Fotos: kjl
»Schöpfen aus dem Wasser des Seins« ist der Titel der Ausstellung mit Ölgemälden des ungarischen Künstlers Róbert Várady, die ab dem 11. Februar im Liszt-Institut, dem ungarischen Kulturinstitut in Stuttgart, zu sehen war. Der Titel ist die abgewandelte Variante des Titels eines Gemäldes. Dieses zeigt den deutschen Philosophen Martin Heidegger mit einem Eimer an einem Fluss. Das Ölgemälde ist tatsächlich inspiriert von einem Foto, das Heidegger, gekleidet in weißem Hemd, mit Krawatte und schwarzer Strickweste und einem Eimer zeigt. Das galt in bürgerlichen Kreisen damals als leger. Heidegger hatte eine Hütte bei Todtnauberg im südlichen Schwarzwald. Allerdings gab es keinen Wasseranschluss und er musste das Wasser mit einem Eimer holen. Das Foto hat also einen ganz banalen Hintergrund. Róbert Várady war aber fasziniert von der grotesken Situation. Man schmunzelt unvermittelt bei diesem Bild. Der Maler war sich der Ironie zweifelsohne bewusst. Várady erweiterte das Motiv für das Gemälde um einen Fluss und brachte es dadurch in Zusammenhang mit der von Heidegger gestellten Seins-Frage. Róbert Várady sagt dazu selbst: »Eine der Hauptrichtungen von Heideggers Philosophie ist die phänomenologische Untersucht der Frage der Existenz im Allgemeinen, daher dachte ich, dass das Wasser, mit dem viele heiligen mythologischen Bilder verbunden sind, das Wasser des Lebens sein könnte, was in diesem Zusammenhang an das Wasser der Existenz erinnert, wenn der größte Meister der Ontologie mit einem Eimer vor ihm steht.« Die Ontologie ist in wörtlicher Übersetzung als Lehre des Seienden eine Disziplin der Philosophie.

Dass der schwarz gekleidete Herr etwas verloren in der nicht näher zu erkennenden Landschaft steht, dass man gerade noch das Wasser und eine Wiese erkennen kann, ist ein durchaus typisches Kennzeichen der Bilder des ungarischen Malers, der die Menschen oft völlig vereinzelt in eher unwirtlich kühlen Räumen zeigt.

Seit einigen Jahren ist Róbert Váradys Malweise fotorealistisch. Es gab allerdings davor bei dem 1950 in Budapest geborenen Maler eine abstrakte Phase. Auch heute noch stehen abstrakte Arbeiten, der Schwerpunkt liegt aber in der Darstellung des Menschen und seinem Verhältnis zur Umgebung. Sie wirken bei ihm oft statuenhaft. Interaktionen zwischen den Menschen auf den Bildern unterbleiben zumeist völlig. Várady studierte Malerei an der Budapester Kunstakademie. Zu seinen Lehrern gehörten János Somogyi, Ervin Tamás, Gábor Papp, Ignác Kokas und Károly Klimó. Ab 1978 zeigte er seine Bilder in zahlreichen Ausstellungen in Ungarn und im Ausland.

Beim im Eingangsbereich des Liszt-Instituts als Auftakt und Blickfang gezeigten Bild »Geschäftsabschluss bei Vollmond« ist das Ambiente geradezu üppig gestaltet mit Teppich, Desigernsessel und der Aussicht auf ein nächtliches Gebirgspanorama. Und doch macht gerade das die Ironie des Bildes aus. Denn die Hauptpersonen dieses Bildes haben für die wildromantische Landschaft keinen Blick. Fast wie Statuen stehen sie steif und aufrecht da und reichen sich die Hände. Man mag kaum zu sagen, dass sie die Hände schütteln, so regungslos stehen sie da, förmlich schwarz gekleidet mit Aktenmappe. Es ist eine bewusste Ironie, die Róbert Várady da zeigt, einen Kontrast zwischen dem trockenen Geschäftswesen im kühlen Design-Ambiente und dem mit Vollmond verklärten Hintergrund, der als Reminiszenz an die Romantik von Gefühlen und mystischen Dingen zeugt. Doch hat das Bild auch noch einen surrealen Aspekt und der liegt in der Lichtführung begründet. Der Vollmond befindet sich hinten rechts, fast verdeckt durch einen Berg. Die das Bild scharf belichtende Lichtquelle ist aber auf der linken Seite. Sie ist unsichtbar.

Dann müsste auch noch eine Lichtquelle hinter dem Betrachter sein. Diese verschiedenen Lichtquellen werfen ein ganz unterschiedlich geprägtes Licht. Der Raum ist kühl beleuchtet, auf die Gesichter fällt aber ein warmes Licht. Der Künstler spielt also auf unterschiedliche Weise mit den verschiedenen Stimmungen. Dass die beiden Personen so steif wirken, hat den Grund, dass Várady sie nicht räumlich gezeichnet hat. Sie besitzen keinerlei Tiefe und könnten auch Attrappen aus Pappe sein. [...]
Klaus J. Loderer
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