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Zum Feierabend

Ostern 1946 wurde zum Leidensweg der Zanegger

Zanegg (Mosonszolnok) war 1945 schon vor der Vertreibung Sammellager für die Ungarndeutschen des Heidebodens
Das Foto hat Johann Neuberger heimlich am 17. April 1946 in Zanegg (Mosonszolnok) gemacht. Auf der Straße sieht man ein Pferdegespann, mit dem das Gepäck zum Bahnhof gebracht wurde.
Foto: Johann Neuberger
Die nachfolgenden Ausführungen entstammen dem 1989 erschienenen Heimatbuch »Das war Zanegg« des inzwischen verstorbenen Johann Neuberger. Sein Sohn Christoph Neuberger hat den Text leicht aktualisiert.

Auf der Potsdamer Konferenz wurde die Vertreibung der Deutschen aus Ungarn auf Antrag der ungarischen Regierung mit in das Protokoll aufgenommen. Die Alliierten haben sich später von dieser Vertreibung immer wieder distanziert. Bereits vier Wochen später wurde Zanegg (Mosonszolnok) Sammellager für die deutsche Bevölkerung des Komitates Wieselburg. Die Betroffenen sprachen vom »Zanegger Getto«. Als Erste wurden Ende August 1945 die Bewohner der Nachbargemeinde Kaltenstein (Levél) nach Zanegg gebracht. Fast vollzählig, ohne Unterschied im Hinblick auf ihre politische Einstellung vor 1945, mussten sie ihre Häuser verlassen. Die wenigen Habseligkeiten, die sie mitnehmen durften, luden sie auf Wagen. In Zanegg wurden sie in Häuser eingewiesen. Im September wurde die Bevölkerung von Maria-Gahling (Máriakálnok) nach Zanegg gebracht, im Spätherbst und Winter folgten beträchtliche Teile der Gemeinden Ungarisch-Kimling (Kimle), Ragendorf (Rajka), Straßsommerein (Hegyeshalom), Sankt Johann (Mosonszentjános), Sankt Peter (Mosonszentpéter) und Wieselburg (Moson). Außerdem kamen Ungarndeutsche aus Karlburg (Oroszvár) das 1947 der Tschechoslowakei zugesprochen wurde und heute als Rusovce ein Stadtteil von Preßburg (Bratislava) ist. Die Häuser in Zanegg waren im Winter 1945/46 mit Menschen aus den Nachbarorten vollgestopft. In manchen Häusern waren zusätzlich drei Familien untergebracht. In den größten Bauernhäusern richteten sich Hunderte von Polizisten und Angehörige der Aussiedlungsbehörde ein. Die Lebensmittel wurden bei den Vertriebenen immer knapper. Ihre Unterkünfte waren gar nicht oder nur wenig beheizt. Das lange Warten, die Ungewissheit quälte die Menschen.

Die Zanegger hatten es leichter. Sie konnten in ihren eigenen Häusern bleiben. Trotz der häufigen Beschlagnahmen und Abgaben hatten sie noch Getreide und etwas Vieh. Andererseits hatten sie den Nachteil, dass sie von den Kommunisten und dem Gemeindevorstand leichter kontrolliert werden konnten. Heimgekehrte Zanegger wurden leichter aufgespürt, dann zur Zwangsarbeit nach Ungarisch-Altenburg oder nach Raab verschleppt. Einige Männer flohen daher über die Grenze nach Österreich. Es hatte den Anschein, als ob die Männer schon deswegen weggebracht wurden, um einem Aufbegehren vorzubeugen. Die Menschen in Zanegg wurden immer häufiger schikaniert. Auch ältere Männer wurden zum »Robot«, zur Arbeit im Dorf geholt oder zur Heuarbeit für die Russen auf die Wiesen getrieben. Sie wurden oft willkürlich misshandelt.

In den letzten Wochen vor der Deportation nach Deutschland wurde das Dorf vollständig abgesperrt. Nur mit Passierschein konnte es verlassen werden. An den Wegen standen Polizisten. Im Dorfe tummelten sich Patrouillen. Geheimpolizisten in Zivil kontrollierten nicht nur die Insassen des Sammellagers, sondern auch die gewöhnlichen Polizisten, die ja nicht alle Deutschenhasser oder Kommunisten waren.

Viele Zanegger konnten bis kurz vor ihrer Deportation nicht glauben, was ihnen bevorstand. Besonders diejenigen hofften, daheim bleiben zu können, die nicht beim Volksbund gewesen waren oder bei der Volkszählung 1941 »ungarisch« als Nationalität eintragen hatten lassen. Als dann Anfang April 1946 auch sie ausnahmslos unter den »Auszuweisenden« aufgeführt wurden, war die Betroffenheit groß.

In der Woche vor der Deportation hielt der Dominikanerpater Bonaventura Neuberger, geboren in Zanegg, für seine Landsleute ein Triduum. Drei Tage hintereinander predigte er in der Kirche in den Abendstunden und bereitete so auf das unausweichliche Schicksal vor. Bei seiner letzten Predigt am Abend des »schwarzen« Sonntags (Passionssonntag) blieb kein Auge tränenleer. Die Leute schluchzten laut, als er in der völlig überfüllten Kirche die Abschiedsworte sprach. So mancher im Zanegger Getto war aber auch erleichtert, als die Deportation begann. So widersprüchlich dies klingen mag: Nach einem halben Jahr schlimmer Entbehrung und sinnlosen Wartens war dies verständlich.

Am 7. April 1946 wurden die Namen der Auszusiedelnden auf der Kanzlei ausgehängt. Die Leute wurden aufgefordert, sich die Listen anzuschauen und sich auf die »Aussiedlung« (kitelepités) vorzubereiten. Die Leute fertigten hastig Kisten, packten die wichtigsten Kleidungsstücke. Sie nahmen vor allem dauerhafte Lebensmittel mit wie Speck, Schinken und Mehl. Viele kochten im letzten Moment noch eine große Kanne Einbrennsuppe für unterwegs. Das pro Person zugelassene Gepäck 50 Kilogramm war schnell erreicht. Wertsachen wie Porzellan vergruben viele oder versteckten sie im Haus in der Hoffnung, bald wieder zurückzukommen. Seit Februar 1946 waren schon mehrere Deportationszüge mit Deutschen aus der Gegend um Budapest durch Zanegg gefahren. Einige hielten an. Die Zanegger erfuhren so, wie es ihnen ergangen war und bekamen Ratschläge: Sie sollten Einbrennsuppe vorbereiten, eine kleine Leiter zum Auf- und Absteigen aus dem Waggon sei hilfreich. Die Sorge um nächstliegende Kleinigkeiten verdrängte das bevorstehende große Leid.Zwischen dem 12. und 19. April 1946 verließen Zanegg vier Züge mit der deutschen Bevölkerung. Der erste Transport fuhr am Freitag, den 12. April 1946, nach Mittag ab, passierte als einziger der vier Transporte bei Straß-Sommerein – Nickelsdorf die österreich-ungarische Grenze und kam am 18. April (Gründonnerstag) in Neckarzimmern, damals Kreis Mosbach, an. Von hier aus wurden die Landsleute in die umliegenden Dörfer verteilt. Der Wunsch, dass Zusammengehörige gemeinsam in einen Ort kommen, wurde berücksichtigt. Die meisten Orte waren hier katholisch. Begleitet wurde der Transport bis zur Zielstation von zehn ungarischen Polizisten, aber von keinem Arzt. Es war auch kein amerikanischer Soldat dabei. [...]
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