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Liebe Leserinnen und Leser,
es heißt ja, vor allem Männer würden eine Zeitung von hinten anfangen zu lesen. Heute möchte ich Sie trotzdem bitten, es ausnahmsweise genauso zu machen – und für einen Moment auf Seite 45 zu blättern.
Das Foto dort ist eines meiner Lieblingsbilder in dieser Ausgabe. Wenn ich es anschaue, kommen sofort viele schöne Erinnerungen zurück. Ich denke an die zahlreichen Rezitationswettbewerbe meiner Kindheit, vor denen mich meine Großmutter und meine Mutter in eine ganz ähnliche Tracht kleideten. Und wenn ich die Augen schließe, höre ich noch heute die Stimme meiner Großmutter: Khumm, ma Maadili, mir mise staad oofange, sunst were mr net fertig… Kleich se’mr fertig, ’s Kreesl, die Halskhette mit’n Oohängsl, ’s Halstuch un ’s Tschepl is noch zuruck… Na, sikst, ma Koldamschili, jetzt pist schee zamkroomt!
Meine Kinder würden heute nur noch einen Bruchteil davon verstehen – und das nicht nur, weil sie keine Mädchen sind. Von dieser sprachlichen Welt sind bei ihnen nur noch einzelne Wörter und kleine Redewendungen angekommen. Zum Beispiel mein „Na, ma Koltpräckilin, wer khummt in ma Haisili?“, wenn ich früher im Kindergartenflur in die Hocke ging, die Arme ausbreitete und darauf wartete, dass sie auf mich zugelaufen kamen. Oder „Hinglpaprikaasch un Tamnuudl“, wenn ihre Großmutter sie fragt, was sie ihnen kochen soll. Und natürlich das „Pucklkratze“, wenn nach einem anstrengenden Tag eine kleine Rückenmassage gefragt ist.
So kann eine Sprache innerhalb einer einzigen Familie ihre Selbstverständlichkeit verlieren. Nicht plötzlich. Nicht von einem Tag auf den anderen. Sondern ganz leise. Wort für Wort. Generation für Generation. Unsere Mundarten werden leiser. Wörter, Redewendungen und Klänge, die früher ganz selbstverständlich von einer Generation an die nächste weitergegeben wurden, drohen zu verschwinden. Und mit jedem Menschen, der seine Mundart noch als Muttersprache gesprochen hat und von uns geht, verschwindet auch ein Stück einer Welt, die sich aus keinem Wörterbuch und keinem Tonarchiv vollständig zurückholen lässt. Vielleicht hat mich gerade deshalb der Bericht in dieser Ausgabe über den ungarndeutschen Rezitationswettbewerb und den landesweiten Gesangswettbewerb für Kinder und Jugendliche besonders berührt. Denn dort geschieht etwas, das Hoffnung macht: Junge Menschen sprechen Mundarten, die in vielen Familien längst nicht mehr zum Alltag gehören. Sie tragen Texte vor, singen die Lieder ihrer Vorfahren – und geben damit etwas eine Stimme, das andernorts immer leiser wird.
Tradition lebt nicht dadurch weiter, dass alles genauso bleibt, wie es einmal war. Sie lebt weiter, wenn die nächste Generation darin etwas findet, das auch für sie Bedeutung hat – und es auf ihre eigene Weise weiterträgt. Vielleicht wird dann manches, was heute immer leiser wird, nicht verstummen. Vielleicht bekommt es einfach eine neue Stimme.
Herzlichst Kristina Szeiberling-Pánovics, Schriftleiterin
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