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| Die neue Schriftleiterin |
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| HERZENSSACHE |
ZUM NEUEN JAHR |
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Als Schriftleiterin der „Unsere Post" stelle ich mir die Frage: Welche Aufgabe hat eine Gemeinschaftszeitung in einer Zeit, in der die Vergangenheit kein ab geschlossenes Kapitel ist, sondern eine bis heute wirkende Erfahrung? Wenn Geschichte nicht nur in Jahreszahlen existiert, sondern im familiären Gedächtnis, in halben Sätzen, im Schweigen und in Auslassungen weiterlebt. Für mich handelt diese Ausgabe genau davon.
Im Mittelpunkt der aktuellen Nummer steht der 80. Jahrestag der Vertreibung der Ungarndeutschen. Dies ist nicht nur ein historischer Meilenstein, sondern für viele von uns auch eine persönliche Geschichte. Auch für mich.
Ich stamme aus einer ungarndeutschen Familie, die in Ungarn geblieben ist. Seit meiner Kindheit wusste ich, dass es im Leben meiner Großeltern mehrere Brüche gegeben hatte, über die sie nur selten sprachen. Anderthalb Jahre vor ihrem Tod jedoch - als die Bilder der Vergangenheit sie immer stärker umgaben - erzählte meine Großmutter all das, was sie bis dahin in sich getragen hatte. Nicht in detaillierten Berichten, sondern so, wie Erinnerung bewahrt wird: in Bildern, Gefühlen, Ängsten, Verlusten.
Als Kind erlebte sie die Enteignung und die plötzlich hereinbrechende Unsicherheit. Die Familie wurde auseinandergerissen: Die Erwachsenen kamen in Internierungslager, die Kinder blieben bei der Großmutter und wurden später in leer stehende Häuser, auf abgelegene Höfe oder zu Verwandten verschlagen. Sie erhielten Aufforderungen zur Vertreibung, warteten reisefertig auf ihr Schicksal - und am Ende hing es an einem seidenen Faden, wer bleiben durfte und wer mit Zügen in ein unbekanntes Land gebracht wurde. Sie durften bleiben, weil man sagte: ,,Man kann schließlich nicht alle Schwaben aussiedeln - einige müssen bleiben, um zu arbeiten."
Die Geschichte meiner Großmutter prägte ihr ganzes Leben. Der Verlust des Besitzes, die Unsicherheit des Zuhauses, das Verstummen der Sprache waren keine einzelnen Episoden, sondern Erfahrungen mit jahrzehntelanger Wirkung. Schweigen wurde zur Strategie, Anpassung zur Form des Überlebens. Generationen lernten, besser nicht aufzufallen, nicht zu fragen, nicht zu erinnern.
Und doch: Diese Familien begannen neu. Sie bauten Häuser, arbeiteten, erzogen Kinder und hielten Gemeinschaften am Leben - oft unsichtbar, im Hintergrund, aber mit hartnäckiger Ausdauer. Neben den Verlust trat langsam auch Verantwortung: Wie geben wir weiter, was im Grunde kaum ausgesprochen wurde? Was bewahren wir aus der Vergangenheit, und was lassen wir los?
Diese Ausgabe der „Unsere Post" handelt nachdrücklich von den Schicksalsschlägen der Ungarndeutschen und von ihrem langen Schatten. Davon, wie sie unsere Gemeinden, unsere Familien und unsere Identität geformt haben. Davon, wie Trauma zum Erbe wurde - und wie wir heute, achtzig Jahre später, versuchen, auszusprechen, was lange Zeit stumm geblieben ist. Als Schriftleiterin, vor allem aber als Nachfahre bin ich überzeugt: Wir müssen diese Geschichten in Erinnerung rufen, um einander - und uns selbst - besser zu verstehen. Ich danke Ihnen, dass Sie uns auf diesem gemeinsamen Weg des Nachdenkens und Erinnerns begleiten.
Herzlichst, Kristina Szeiberling-Pdnovics Schriftleiterin
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