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Titelthema

Das Leiden der Ungarndeutschen in der Sowjetunion

Ausstellung des Janus-Pannonius-Museums Fünfkirchen (Pécs) zur Zwangsarbeit Malenki Robot im Rathaus Gerlingen
Besucher der Ausstellungseröffnung Malenki Robot im Rathaus Gerlingen. Im Vordergrund sitzt Bürgermeister Georg Brenner:
Fotos: kjl
Eine Ausstellung im Rathaus Gerlingen erinnerte im Januar und Februar an die am Ende des Zweiten Weltkriegs durch die Rote Armee zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppten Ungarndeutschen. Zivilisten in Ungarn mussten so für den vom Deutschen Reich angezettelten Zweiten Weltkrieg büßen. Erarbeitet wurde die Ausstellung von Judit Müller Walter am Janus-Pannonius-Museum in Fünfkirchen (Pécs).

Gerlingens langjähriger Bürgermeister Georg Brenner, der sich im vergangenen Jahr nicht wieder zur Wahl stellte, wurde beim Neujahrsempfang verabschiedet. Einen ungarndeutschen Termin in der Schlussphase seiner Amtszeit wollte er sich dann wohl doch nicht nehmen lassen. Die zahlreichen Gäste der Ausstellungseröffnung dankten ihm diese Verbundenheit. So war die Ausstellungseröffnung am 19. Januar auch ein festlicher Abschluss für den »Patenonkel« der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn. Es waren sogar beide Bürgermeister anwesend. Im Publikum saß nämlich ganz bescheiden im Hintergrund der neu gewählte Bürgermeister Dirk Oestringer. Tatsächlich hatte die Ausstellungseröffnung großes Interesse gefunden. Der Ratssaal im Rathaus Gerlingen war voll besetzt. Dabei ging es um ein Themen, das bewegt. Es sei kein leichtes Thema, das betonte auch Bürgermeister Georg Brenner in seiner Begrüßungsansprache. Dass die Gäste so bewegt waren, lag sicherlich auch an den persönlich gehaltenen Reden.

Ausstellungskuratorin Judit Müller Walter erklärte, wie sie zum Thema »Malenki Robot« gekommen sei. Es waren Erinnerungsstücke ihrer Mutter und ihrer Tante, die selbst zur Zwangsarbeit in der Sowjetunion war, die sie auf das Thema brachten. So war die Dokumentation und Aufarbeitung dieses Themas für die Mitarbeiterin des Janus-Pannonius-Museum in Fünfkirchen (Pécs) auch immer verbunden mit ihrer Familiengeschichte. Zu den Initiatoren der Ausstellung und eines dazugehörigen Forschungsprojekts gehörte aber auch Eleonóra Matkovits Kretz, deren Mutter ebenfalls zu den Betroffenen gehörte.

In allen Reden der Ausstellungseröffnung wurde deutlich, wie irreführend die Bezeichnung »Malenki Robot« (Kleine Arbeit) gewesen sein muss. Was als Ernteeinsatz getarnt war, entpuppte sich als Verschleppung in die Sowjetunion. Die deutsche Zivilbevölkerung in Ungarn, Rumänien und Jugoslawien war davon besonders betroffen. Dass in Ungarn über dieses Thema während der sozialistischen Zeit nicht gesprochen werden durfte, machte die Sache für die Betroffenen nur noch schwerer. Die Gedanken daran mussten ebenso versteckt bleiben wie die Objekte der Erinnerung, die in Schachteln in den Kleiderschränken versteckt waren. Judit Müller Walter und Eleonóra Matkovits Kretz spürten eben diese versteckten Schätze auf. Sie wurden Teil der Ausstellung.

Auch Joschi Ament, der Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn, färbte sein Grußwort mit Erinnerungen aus der Familie. Die Tochter eines Russland-Deportierten habe ihm einmal erzählt: »Mein Vater wurde als 17jähriger in die Ukraine verschleppt. Nach zweieinhalb Jahren Zwangsarbeit konnte er die Eltern erst wieder in Deutschland finden. Nach Berichten seiner Mutter war er aufgedunsen und konnte kein Essen mehr vertragen. Erst später stellte sich eine offene Tuberkulose heraus. Es blieben tiefe seelische Wunden. Mein Vater selbst hat mit uns Kindern nie über diese Zeit geredet. Er war überhaupt ein verschlossener und für uns Kinder ein nicht greifbarer Mensch, der am liebsten nur für sich war. Er muss Schreckliches erlebt haben!« Ament zitierte auch die Erinnerungen eines Überlebenden: »Erinnerst Du Dich noch? An das Klopfen in der Nacht und im Morgengrauen? An die unmenschlichen Bedingungen? An die Grausamkeiten? An die schwere Arbeit? An das Frieren? An das Hungern?« Ament berichtete von besonders perfiden Fällen: »Im Verlaufe der Deportation kam es aber auch mehrmals vor, dass aus rein ungarischen Siedlungen ungarische Zivilisten verschleppt wurden. Weil es in diesen Ortschaften keine deutschen Einwohner gab und die sowjetischen Kommandeure die im Befehl vorgegebene Quote an deutsch-stämmigen Personen zu erfüllen hatten, verschleppte man von ihnen jene, deren Name auf r endete – wie etwa die rein ungarischen Namen Molnár, Bognár, Kádár, Göndör oder Pintér, und zwar mit der Begründung, dass auch Hitlers Name auf r endete.« Die Verschleppung sei ein markantes Beispiel einer kollektiven Bestrafung: »Ein russischer Major, der die Verschleppung in Elek koordinierte, nahm wie folgt Stellung: dem Befehl unterliegen sämtliche Personen mit deutschem Namen, ungeachtet dessen, ob sie der deutschen Sprache mächtig sind und ungeachtet ihres Vorlebens. Genauso betroffen sind Personen mit ungarischem Namen, bei denen ein Großelternteil einen deutschen Namen hatte oder deutscher Abstammung war. Wenn auch nur ein Tropfen deutsches Blut in den Adern fließt, der ist Deutscher! Ihre einzige Schuld war also tatsächlich nur ihre deutsche Abstammung.«

Dr. Boldzár Csornay, Direktor des Janus-Pannonius-Museums in Pécs, berichtete, wie man bei einer Reise in die Ukraine von der überaus freundlich reagierenden Bevölkerung auf die Reste der Lager Zwangsarbeiter aufmerksam gemacht worden sei. Man sei erstaunt gewesen über die positiven Erinnerungen, die dort an die Zwangsarbeiter noch vorhanden seien. Auch Bürgermeister József Mich war aus Tata zur Ausstellungseröffnung nach Gerlingen gekommen. Im dortigen Ungarndeutschen Landesmuseum hatte Erich Gscheidle, der Bundesgeschäftsführer der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn, die Ausstellung gesehen und dann die Verbindungen hergestellt, dass die Ausstellung nach Gerlingen kommt.

Im Erdgeschossfoyer des Rathauses zeigte Georg Köber eine thematische Ergänzung mit Material aus seinem Heimatort Soroksár. Er hatte Listen gefunden, die genau die Verschleppung dokumentieren.
kjl
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