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Kultur

Entführung in die einstige Heimat

Helmut Erwert las aus seinem Roman »Elli oder Die versprengte Zeit«
Helmut Erwert
Foto: Stefan P. Teppert
Einige »wahre Kulturkenner« – so begrüßte Henriette Mojem als Hausherrin ihre Gäste – hatten sich am frühen Nachmittag des 6. Mai im Festsaal des Sindelfinger Hauses der Donauschwaben versammelt, um »anspruchsvoller Literatur« zu lauschen. Während das schöne Frühlingswetter durch die breite Fensterfront einströmte, gab die kleine Bühne mit dem in ihrer Mitte hängenden Gemälde »Sommer im Banat« von Stefan Jäger wie durch ein Fenster in die Vergangenheit einen Blick in heimatliche Landschaft frei. Um dieses Zentrum angeordnete Requisiten erweckten den Eindruck einer behaglichen Stube. Ein Barocksessel für den Autor, daneben ein dreibeiniger Kaffeehaustisch, darauf Tischtuch, Leselampe, Siphonflasche, ein geschliffenes Glas und eine Karaffe, zierlich standen Kerzenständer herum, die antike Kommode trug Konterfeis namhafter Söhne und Töchter Weißkirchens wie etwa des Historikers Leonhard Böhm, der Schriftstellerin Marie Eugenie delle Grazie und des Dichters Bruno Kremling. An Stellwänden flankierten die Bilder der sieben Gotteshäuser dieser Weinstadt im einst jugoslawischen Banat und ein Abbild der »Weinprobe« in einem ihrer Keller nach einem großformatigen Gemälde von Sebastian Leicht die besinnliche Szenerie.

Erwert gehöre unumstritten zur geistigen Elite der Donauschwaben, so die für Organisation, Bühnenbild sowie eine informative Broschüre zu dieser Veranstaltung verantwortliche Geschäftsführerin des Hauses der Donauschwaben, »er ist ein Experte, ein exzellenter Kenner der donauschwäbischen Geschichte. Er hat seinem donauschwäbischen Volksstamm auf besondere Weise gedient: als Geschichtsforscher, Publizist, Buchautor und Vertriebenensprecher hat Studiendirektor i. R. Bleibendes hinterlassen.« Nur wenige Monate zuvor hatte Erwert übrigens im gleichen Festsaal von Innenminister Thomas Strobl den Donauschwäbischen Kulturpreis des Landes Baden-Württemberg entgegennehmen dürfen.

Am Klavier umrahmte Daniel Weiß den nun folgenden Auftritt des Romanciers, der seine Zuhörer stehend am Pult begrüßte und sich für das Engagement von Henriette Mojem bedankte. Die Kindheit in seiner historisch gewachsenen multiethnischen Heimatstadt habe ihn fürs ganze Leben geprägt, begann Erwert, viele Jahre habe er der Erforschung dieser Vorgänge in seinem Geburtsland gewidmet, bevor er sich an ihre literarische Aufarbeitung wagte. Erwert gab zunächst eine Einführung in seinen komplexen zeitgeschichtlichen Banat-Roman, bevor er auf dem Sessel Platz nahm und einige Passagen las, die er mit kurzen Kommentaren einleitete und in ihren Zusammenhang stellte.

Von der Jahrtausendschwelle wird Rückschau gehalten in seinem Roman auf die 30-er und 40-er Jahre mit der kriegerischen Unterwerfung Jugoslawiens 1941 durch das Dritte Reich, dem Einmarsch der Roten Armee im Oktober 1944 und die Gewaltexzesse der Tito-Partisanen in ihrem Gefolge. Diese überindividuellen Verhängnisse spiegeln sich im Leben der Kleinstadt Weißkirchen (Bela Crkva) und seiner Protagonistin Elli, an der Nahtstelle zwischen Mitteleuropa und dem Balkan.

Im Auftrag des Internationalen Tribunals in Den Haag wendet sich der Brüsseler Diplomat Jérôme an seinen pensionierten Berufskollegen Ferdinand Weinhöpl, bittet ihn um Hilfe bei der Aufklärung über das Leben der Hauptperson Elli, die einst einen Briefwechsel mit einem gesuchten jugoslawischen Fliegeroffizier namens Tihomir Živković pflegte. Daraufhin erzählt Weinhöpl den Lebensablauf seiner Cousine, mit der er stets eng verbunden war. Motor seiner Darstellungen ist die Absicht, Elli von jedem Verdacht zu befreien. Er schildert ihre humane, allem Militärischen abholde Einstellung. So entfaltet sich das Gemälde eines pulsierenden Lebensraums mit levantinischer Exotik. Die Deutschen, die einst in Weißkirchen die Mehrheit bildeten, sind in sprachlicher, kultureller und historisch-geografischer Hinsicht authentisch dargestellt, ebenso alle anderen Völkerschaften dieses multiethnischen Mikrokosmos’ – Serben, Kroaten, Bosnier, Tschechen, Ungarn und Rumänen, auch Juden, Zigeuner und Exilrussen. Dem Autor gelingt es, komplexe Zusammenhänge anschaulich darzustellen und in gültige Sätze zu gießen, die prägnanter kaum sein könnten. Atmosphärisch bestechend entsteht vor dem geistigen Auge des Lesers ein Panorama des kulturellen Reichtums einer gesellschaftlichen Gemengelage mit ihrer zivilisatorischen und religiösen Farbigkeit. Im Banat und in der Woiwodina ist ein eng zusammenlebendes Europa im kleinen Maßstab schon einmal musterhaft gelungen.

Dann aber züchten nationalistische Engstirnigkeit und ideologische Verblendung gegenseitiges Misstrauen und Feindseiligkeit, zerstören das bis dahin gute Zusammenleben der Ethnien und führen durch Gewalt und Terror in einen Zivilisationsbruch. Der Autor stellt sich dem tragischen Umschwung in Hass und Verfolgung, dem unwiderruflichen Untergang sich gegenseitig bereichernder Verschiedenheit. Der Roman leistet dadurch wertvolle Aufarbeitung und verlangt sie zugleich. Denn – wie der Epilog verrät – alles Vergangene bleibt unabschließbar gegenwärtig. Nur ehrliche, vorbehaltlose Annäherung kann weiteren Wiederholungen vorbeugen. Auf keiner Seite des Buches werden Rezepte erteilt, dennoch ist dieses literarische Opus angesichts der weltweiten Flüchtlingsströme unserer Zeit hochaktuell. Gewissenhaft und unparteiisch verdichtet hier ein Zeitzeuge leidvolle geschichtliche Umwälzungen, macht als selbst zutiefst erschüttertes und bekümmertes Opfer anschaulich, wie einst friedlich miteinander lebende Gesellschaften eine blühende Welt toleranten Neben- und Miteinanders ruinieren.
Stefan P. Teppert
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