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Kultur

Am Pool ist die Welt noch in Ordnung

Farbenfrohe Produktion der Operette »Ball im Savoy« von Paul Abraham am Theater Lübeck
»Ball im Savoy« am Theater Lübeck: Emma McNairy (Madeleine) und Philipp Hall (Aristide)
Foto: Kerstin Schomburg
In eine immer mehr surreal werdende Welt entführt Michael Wallners Inszenierung von Paul Abrahams Operette »Ball im Savoy« am Theater Lübeck, die am 1. September Premiere hatte. Schon die eigentliche Handlung, die Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda zusammenfabulierten, vereinigt eine geradezu absurde Ansammlung sehr spezifischer Menschen in einer völlig überspitzten Situation. Aber das macht den Reiz des Stücks mit seinen auch heute noch sehr frech wirkenden Texten aus. Die Unterschiedlichkeit der Charaktere steigert man in Lübeck zum Beispiel noch dadurch, dass man Mustapha Bei Textstücke auf türkisch sprechen lässt. Bühnenbildner Heinz Hauser hat sich für die drei Akte drei Situationen ausgedacht: Pool-Party, die Welt steht Kopf und die Hölle des Ehekriegs. Diese beginnt musikalisch eher ungewohnt herb: Abraham hat der Operette eine fast atonale Variation einer grotesken Fuge zum Chorstück »Ball im Savoy« vorangestellt, bevor sich der eigentliche Melodienreigen entfaltet. Dazu leuchten Emil Noldes Mohnblumen agressiv knallrot auf dem Bühnenvorhang und stimmen das Publikum auf die Operette ein.

Dann Nizza: der schwarz-weiße Marmorfußboden der Terrasse einer Villa mit gemaltem Blick auf das Meer, Agaven, ein Swimming-Pool mit gelbem Sprungbrett – ganz wie bei David Hockney, dessen freundliche Farbstimmung hier adaptiert wurde. »A bigger splash« macht es auch, denn immer wieder stürzt man sich in den Pool. Das Publikum kichert. Doch nicht in Kalifornien ist man, sondern in den 1930er-Jahren in Südfrankreich, wie die schönen Kostüme von Tanja Liebermann und Yvonne Forster deutlich machen: Breitkrempige Sonnenhüte, Phantasievolle Badeanzüge, Baskenmützen. So werden Aristide und Madeleine von ihren Freunden nach einjähriger Hochzeitsreise empfangen. Sopranistin Emma McNairy ist als elegante Madeleine hervorragend besetzt und bleibt uns in den Höhen nichts schuldig. Philippe Hall ist ein hervorragender Tänzer und guter Tenor und harmoniert musikalisch gut mit seiner »Frau«.

Hier taucht auch Madeleines Cousine Daisy auf – die Schauspielerin Sara Wortmann als überaus taffe Amerikanerin. Sie stellt mit »Känguru« den neuesten Modetanz vor. Sie singt ihn als flotten Schlager, assistiert von einem gut geprobten Tanzensemble mit witziger Choreographie von Andrea Danae Kingston. Der Bariton Steffen Kubach glänzt als türkischer Attaché. Mit körperlichem Einsatz mimt er hier den heiratswütigen Orientalen, von der Maske an allen sichtbaren Hautstellen mit schwarzem Fell geradezu tapeziert. Dazu eine gute Stimme, das erzeugt starke Bühnenpräsenz. Mit trockenem Humor gestaltet Regisseur Michael Wallner den Kammerdiener und später auch den Ober Pomerol.

In diesem Ball im Savoy ist alles verkehrt. Die Welt steht Kopf und zwar wörtlich. Was vorher Boden war, ist nun Decke. Der schwarz-weiße Fußboden hängt ebenso wie der Swimmingpool und die Agaven kopfüber. Die Beleuchtung unterstützt diese surreale Welt, in der die golden gewandete Tangolita ihren Auftritt hat. Wie schon beim Lübecker »Sunset Boulevard« gibt es wieder einen Star: für die Rolle der Tangolita hat das Theater Lübeck die bekannte Sängerin und Schauspielerin Angelika Milster engagiert. Sie umschmeichelt uns musikalisch und wird von »argentinischen« Caballeros umschmeichelt. Eine köstliche Idee ist es, die sechs verflossenen Ehefrauen Mustaphas in Form des Tanzensembles als Vipern auf die Bühne zischen zu lassen. Dass unter den sechs Exehefrauen dann auch zwei Exehemänner sind, ist zusätzlich pikant. Die Schlangen, wie er sie liebevoll nennt, derangengieren den Herrn Attaché denn auch heftig. Etwas zerbissen widmet er sich dem nächsten Duett mit Daisy, die sich anschickt Nummer sieben zu werden. Überhaupt sind die Duette von Steffen Kubach und Sara Wortmann der Hit des Abends. Zwei Sofas und zwei Lichtkegel deuten die Separées an. Im einen speist Tangolita mit Aristide. Im anderen versucht Madeleine den vermeintlichen Ehebruch nebenan zu rächen. Schauspieler Jörn Kolpe gibt den schüchternen Rechtasanwalt Formant, der vom großen Liebesabenteuer träumt und es fast verpasst. Zum Auftritt des Jazzkomponisten Pasadoble, hinter dessen Pseudonym sich Daisy verbirgt, fährt das Orchester nach oben und sie dirigiert »ihren« neuesten Hit. Der Ball gerät völlig aus den Fugen. Rot eingeleuchtet ist er ein immer düster werdender Tanz auf dem Vulkan, in denen die Tänzerinnen noch spielerisch mit ihren schwarzen Uniformmützen spielen – Vorzeichen einer drohenden Zeit.

Und wieder gibt es eine Verwandlung. Zum dritten Akt senkt sich die Decke herab und gibt den Blick frei auf eine dunkle Über-Unterwelt, in deren Tiefe ein roter Teppich führt. Aristide durchleidet die Hölle des betrogenen Ehemanns, bis Daisy mit einem Trick (und unter Streichung des halben Akts) die Ehe wieder ins Lot bringt. Oder symbolisiert das Bühnenbild die drohende Machtübernahme der Nationalsozialisten, die nur wenige Wochen nach der Uraufführung von »Ball im Savoy« erfolgt und für einige der Beteiligten zur Hölle werden soll. Soll der rote Teppich dann gar das Zeichen der SS zeigen? Auf ihm kommt im Finale ein kleines Mädchen in rotem Regenmantel nach vorne – und das erinnert an ein ganz anderes schauriges Ende, eine Reminszenz an »Wenn die Gondeln Trauer tragen«. Endeten so die Flitterwochen in Venedig, die am Anfang kurz angedeutet werden? Das bleibt unbeantwortet. [...]
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