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Kultur

Ein Tempel der Moderne

Ein vergessenes Meisterwerk der ungarischen Moderne in Wudersch (Budaörs) und sein Erbauer Virgil Bierbauer
Ein Tempel der Moderne
Das Flughafengebäude von Wudersch (Budaörs) heute
Beim Ungarndeutschen JugendFilmfest »Abgedreht« vergab die Jury für den Film »Ein Tempel der Moderne« einen Sonderpreis für die beste Dokumentation. Erarbeitet wurde die Reportage von Luise Klein und Sophie Klein. Betreuer war Dr. Markus Klein (Deutsche Schule Budapest). Die Autorinnen des Films stellten uns die Dokumentation zur Verfügung.

75 Jahre ist es nun her, da avancierte ein ungarndeutscher Architekt mit seinem international beachteten Meisterwerk zu einem der renommiertesten Vertreter der ungarischen Moderne. Das heutige Budaörs ist eine zersiedelte Stadt vor den Toren von Budapest. Bis 1946 war dies ein überwiegend schwäbisches Dorf namens Wudersch, doch wurden 90 Prozent der schwäbischen Einwohner vertrieben. Heute noch finden sich viele Relikte der schwäbischen Geschichte und Kultur nicht nur auf den teilweise über 200 Jahre alten Grabsteinen auf dem alten Friedhof, sondern überall in der Stadt.

Aber Wudersch (Budaörs) weist nicht nur Zeugnisse des traditionellen bäuerlichen schwäbischen Lebens in Ungarn auf, mit denen die Ungarndeutschen in der Regel in Verbindung gebracht werden: Ganz am Rande der Stadt findet sich versteckt ein bei Ungarn wie bei Deutschen vergessenes Monument der ungarischen Moderne, entworfen und gebaut von einem Deutschen aus dem historischen Ungarn!

Der Flughafen Budaörs war von 1937 bis 1950 der Flughafen der Hauptstadt Budapest, und damit Vorläufer des heutigen Franz-Liszt-Flughafens. Der erste Flughafen Ferihegy war konzeptionell übrigens eine Kopie des Flughafens Budaörs. Dessen Form erinnert nämlich an die eines rundlichen Flugzeuges! Das Flughafengebäude selbst nämlich ist das Außergewöhnliche, auch wenn man es von außen gar nicht glauben mag. Doch tatsächlich: das Hauptgebäude ist ein einzigartiger Tempel der ungarischen Moderne, zu seiner Zeit ein Vorzeigeobjekt, heute leider zugewachsen und baufällig, steht zum Glück aber wenigstens unter Denkmalschutz! Historische Aufnahmen geben einen Eindruck davon, welche Wirkung dieses Gebäude früher einmal auf den Betrachter gehabt haben muss! Es war ein internationales Vorzeigeobjekt der in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts in Ungarn aufblühenden Moderne und Avantgarde. Und entworfen wurde es von einem ungarndeutschen Architekten, der selber einer der maßgeblichen Avantgardisten in Ungarn war.

Virgil Bierbauer wurde am 6. März 1893 in Straßburg am Mieresch in einer siebenbürgisch-sächsischen Familie geboren. Nach einem Architekturstudium in München avancierte er in den 20er Jahren in Ungarn zu einem der einflussreichsten und wichtigsten Architekten der Moderne. Nach vielen anderen Projekten – unter anderem das einzigartige Kraftwerk in Kelenföld und das Sporthotel in Tihany – übernahm Virgil Bierbauer 1935 den Auftrag für den Flughafen in Budaörs. Nebenher veröffentlichte Bierbauer zahlreiche Bücher und Aufsätze zur modernen Architektur. Und von 1928 bis zum Ende des Krieges redigierte er die legendäre Fachzeitschrift »Tér és Forma« (Raum und Form). Was Bierbauer darunter verstand lässt sich wunderbar im Wartesaal des Flughafens Budaörs sehen. Das Oberlichtband, die Säulen, der Terrazzoboden, die zur Galerie führenden Treppen und die in die Zwischendecke eingelassenen runden Lampen – das alles gibt ein wunderbares Raumgefühl, eben wie in einem Tempel! [...]
Luise Klein, Sophie Klein
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