Unsere Post – Startseite
Startseite » Archiv » 2012 » Ausgabe 5 » Kultur
Die neue Schriftleiterin
Ihre Beiträge zu
Familiennachrichten und andere Meldungen senden Sie bitte an
die Schriftleitung.
Kultur

Am Ende geht sie einfach raus

Balázs Kovalik inszeniert »Die Teufel von Loudon« an der Staatsoper Hannover

Am Ende steht sie einfach auf und geht raus, nämlich die Priorin des Ursulinenklosters zu Loudon, als die Musik verklungen und der Vorhang heruntergegangen ist. Noch bleibt ein Spot auf sie gerichtet, der allmählich verglimmt. Erst dann kommt langsam Beifall auf. Das Publikum ist noch ergriffen oder schockiert von den Vorgängen auf der Bühne. Die so gefasst von ihrer Rolle Abschied nehmende Priorin hat dabei mit ihren Anschuldigungen allerhand Unheil verursacht. In dauerhafter Präsenz bleibt Khatuna Mikaberidze als Priorin Jeanne während der ganzen Oper im Vordergrund der Bühne. Eine tragende Rolle hat sie in dieser selten gespielten Oper von erotisch-dämonisch-religiösen Fantasien, Ränken, politischen Intrigen und Massenhysterie des polnischen Komponisten Krysztof Penderecki. Dieser erhielt erst kürzlich den Viadrina-Preis der Europa-Universität Frankfurt an der Oder.

Die 1969 in Hamburg uraufgeführte Oper spielt eigentlich im 17. Jahrhundert in der französischen Stadt Loudon. Die Staatsoper Hannover hat die Oper am 24. März in einer beklemmenden Inszenierung von Balázs Kovalik auf die Bühne gebracht und in die Gegenwart transportiert.

Eigentliche Hauptperson ist Pater Grandier, der durch neidische Bürger, die unsäglichen Anschuldigungen der verliebten Priorin und politische Ränke schließlich auf den Scheiterhaufen kommt. Nun ist Grandier tatsächlich ein fehlbarer Mensch. Immerhin spendet er einer Witwe allzu wörtlich Trost und einem jungen Mädchen hilft er auf eigentümliche Weise bei dessen geheimen erotischen Wünsche. Dies wird aber alles geduldet, bis er sich in die Politik einmischt und dem Stadtgouverneur die Erhaltung der Stadtmauer rät. Da kommen die Anschuldigungen angeblicher teuflischer Machenschaften durch die Priorin gerade recht.

Eine Stadt auf die Bühne zu stellen, hat man tunlichst vermieden. Das aus kurzen Gesprächsfetzen zusammengesetzte Libretto würde eine Vielzahl von Schauplätzen in der Stadt verlangen. Um eine Zerhackung des Stücks zu vermeiden und den Spannungsbogen des Stücks in Fluss zu halten, beschränkt Bühnenbildner Florian Parbs sich auf einen Raum. Aus der Tiefe der Bühne stoßen mehrgeschossig Gerüste hart in den Zuschauerraum. Sie rahmen die Bühnen zugleich symmetrisch wie sie gleichzeitig durch die Schrägstellung den Raum dynamisch gestalten. Sie bieten vielfältige Bewegungsmöglichkeiten in der Höhe und deuten eine Baustelle an. Doch eigentlich wird in der Oper gar nicht gebaut. Vielmehr geht es um Abbruch: so fordern der König und sein Kardinal Richelieu den Abbruch der Stadtmauer von Loudon. Neubau oder Abbruch – in der Inszenierung schafft man so die Möglichkeit eines effektvollen Schlussbilds: Grandier wird nicht auf dem Scheiterhaufen verbrannt, was sich kaum realistisch darstellen lässt, sondern er wird in eine Kreuzesform einbetoniert.

Die Visionen oder Traumfantasien der Priorin visualisiert die Inszenierung mittels eines Containers, dessen sich öffnendes Lamellentor jeweils andere kitschigschwüle Szenerien im Stil der französischen Künstler Pierre et Gilles als lebende Bilder sichtbar werden lässt.

Unerfüllte Leidenschaften aus der Bibel tauchen da auf: Maria Magdalena und Salome. Es sind Christus und Johannes der Täufer, mit denen Jeanne den unerfüllt geliebten Grandier vergleicht. Der abgeschlagene Kopf des Johannes geht dann in die reale Handlung über, indem Chirurg und Apotheker den Kopf in eine Plastiktüte stecken und mitnehmen – ein schöner Kunstgriff des Regisseurs, damit diese beiden Intriganten zu einem Kopf gelangen, den sie tatsächlich erwähnen. Zwei römische Legionäre aus einem der Bilder dienen am Ende als Folterknechte, wenn Grandier in grausamem Realismus auf der Bühne gefoltert wird. Die grell-bunten Bilder im Container kontrastieren mit der kargen Welt draußen. Angelika Höckner stellt das Volk mit heutigen Alltagskleidung als gegenwärtig vor. Rot ist in der Inszenierung die Farbe des Klerus. Rote Gewänder für die Priester und rote Fantasiegewänder für die Nonnen.

Klaus J. Loderer

Lesen Sie mehr in der Printausgabe.

Zurück zur Startseite

Sie haben die Wahl ...
weitere Infos
Anzeigen
Mit Anzeigen und Inseraten erreichen Sie Ihre Zielgruppe. Anzeige aufgeben
Unsere Post
Telefon: +49 (0) 711 44 06-140 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | AGB | Datenschutz | Impressum | Barrierefreiheit